Mittagsfrost am Kopierer

  • Ja, ich gebe es zu. Ich habe versucht, das Design der Warbonnet Blackbird XLC zu kopieren. Nicht, um im unlauteren Wettbewerb einen wirtschaftlichen Vorteil zu erlangen, sondern um das Geheimnis des bequemen Liegens in dieser Hängematte zu ergründen.

    Ich habe es versucht. Gelungen ist es mir nicht. Das Kopieren meine ich. Mit dem Ergründen war ich erfolgreicher.


    Aber fangen wir am Anfang an. Ich hatte mir eine Hängematte im TrueTimber-Muster gekauft, weil mir diese zivile Tarnung mehr zusagt als Flecktarn & Co. Leider ist die Hängematte nur einseitig bedruckt, so daß man immer auch die optisch weniger schöne unbedruckte Seite sehen kann. Was tun? Aus der einlagigen eine doppellagige Hängematte machen, jeweils die bedruckte Seite außen? Leider gibt es den Stoff bei Dutch nicht mehr. Oder ein Moskitonetz montieren? Das ist es! Da gibt es doch dieses Netz im Gestrüpp-Tarnmuster beim großen fernöstlichen Versandhändler! Welches Design wähle ich für das Moskitonetz? Es wäre schön, wenn es etwas vom Kopf ferngehalten wird. Irgendwelche Stangen a la Frontline von DD Hammocks wollte ich vermeiden. Bei der Blackbird ist das prima gelöst. Da könnte ich doch eigentlich ... Das hat mich schon immer interessiert ... Okay, ich versuche mal, meine Blackbird XLC nachzubauen. Da muß ich nicht lange experimentieren, sondern kann die Maße direkt am Original nehmen. Das einzige Problem: Wo kann ich den teilbaren Reißverschluß in dieser Länge kaufen? Da meine Recherchen erfolglos blieben, kaufte ich mir eben nicht teilbaren Reißverschluß als Meterware. Ohne Mückennetz will ich diese Hängematte ja nicht nutzen.


    Früh am Morgen habe ich meine BB XLC auseinandergenommen. Natürlich mit Fotos vom Originalzustand und allen kritischen Demontagephasen. Ich möchte sie ja wieder zusammensetzen können. Leicht schockiert war ich, als ich die interne Ridgeline sah. Ich hatte erwartet, daß sie gespleißt ist. Stattdessen werden die beiden Endschlaufen durch schnöde Knoten erzeugt. Sieht ein bißchen schlampig aus, erfüllt aber auch seinen Zweck und spart Kosten in der Produktion. Außerdem sieht man es nur im demontierten Zustand. Auch die Nähte sind bei weitem nicht perfekt. Aber okay, ich will eine bequeme und bezahlbare Hängematte. Da ist für mich die Perfektion der Nähte nachrangig. Die Hängematte selbst ist ein ganz gewöhnliches rechteckiges Stück Stoff. Kein Hexenwerk.

    Also Maße nehmen. Oh, was ist denn das? Meine Tarnhängematte ist nur 1,40 m breit. Zu schmal, um 1:1 kopieren zu können. Zum Glück war der seitliche Saum sehr großzügig, mehr als Daumenbreite. Also habe ich sämtliche Nähte aufgetrennt und dann einen 5-mm-Saum genäht. Da meine Tarnhängematte viel länger als die BB XLC war, hatte ich sogar Material für die Seitenablage, den/die/das Shelf übrig.


    Nun die Maße vom Moskitonetz abnehmen. Oh, das wird schwierig. Versuche mal jemand, das Ding an allen gefühlt 134 Ecken zu fixieren! Zudem hat mein Tarnmoskitonetz ein ganz anderes Dehnverhalten. Also blieb mir nur, so genau wie möglich zu messen. Beim Zuschnitt Nahtzugabe nicht vergessen! Das Messen und der Zuschnitt des Moskitonetzes dauerte länger als das Auftrennen und Neuvernähen der Hängematte. Dafür entdeckte ich jede Menge Details, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Hier eine Verstärkung und da ein Abnäher. Mein Respekt vor dem Design wuchs immer mehr. Ich nähte die Einzelteile zusammen, das Feintunig muss an der aufgehängten Hängematte erfolgen. Beim Annähen des Reißverschlusses kann ich überflüssiges Moskitonetz immer noch abschneiden.


    Der nächste Schritt war des Herstellen der Firstschnur, natürlich gespleißt, nicht geknotet. ;) Nun das Moskitonetz drübergelegt und mit kleinen Klammern fixiert. Hier kam die große Enttäuschung. Das kann doch nicht sein! Ich hatte mir so viel Mühe beim Messen gegeben, aber irgendwie passte nichts so richtig.


    Also Plan B. Durch den nicht teilbaren Reißverschluß mußte ich sowieso Details ändern. Am besten ordne ich die Enden am Kopfende links und rechts an. Mit zwei Schiebern kann ich die Öffnung positionieren, wo ich will. Wie wäre es mit einer Kappe am Kopfende, unter der man das Moskitonetz im entzippten Zustand verstauen kann? Also ein Abdeckung über dem Winkel, den die Seitenränder der Hängematte am Kopfende bilden. Aber wie groß ist dieser Winkel eigentlich? Wähle ich ihn zu groß, schlackert das Dreieck, wähle ich ihn zu klein, reißt im schlimmsten Fall die Naht. Also rein in die Hängematte, Winkel geschätzt, wieder raus, Stoff angeheftet, wieder reingelegt, geschaut, ausgestiegen, korrigiert, ...

    Am Fußende könnte ich doch eigentlich auch so ein Dreieck annähen und den Reißverschluß da entlangführen. Gleicher Winkel? Probieren! Rein in die Hängemattte, schauen, ... Gleiches Spiel wie vorher. Jetzt noch einen sanften Bogen, damit der Reißverschluß keinen 90°-Knick machen muss. Welchen Radius? Auch dieses Problem war nach einer Stunde endlich gelöst.

    Jetzt die Dreiecke an einer Seite annähen, die andere bleibt noch offen. Als nächstes war der Reißverschluß dran. Zwischendurch immer wieder Hängematte aufhängen, reinlegen, kritisch beäugen. Ihr kennt ja inzwischen das Spiel. Irgendwann (eigentlich nicht irgendwann, sondern exakt am 17. Oktober 2020, 23:55 Uhr) war dann alles soweit fertig. Nur mit der Spannung des Moskitonetzes war ich total unzufrieden. Wie bekommt Warbonnet das nur so exakt hin? Beim Original ist das Netz gleichmäßig straff gespannt und bildet eine ebene Fläche. Bei mir gibt es Wellen und Buchten, Berge und Täler. Meine Hochachtung vor der Entwicklungsarbeit stieg ein weiteres Mal.

    Die Hängematte war zwar benutzbar, aber für die Feineinstellung des Netzes brauche ich eine Insassen. Oder Inlieger? Jedenfalls eine Person, die in der Hängematte liegt, während ich von außen beobachten, zupfen und messen kann.

    Aber das mache ich am folgenden Tag, im Wald und mit meinem Kumpel.

    Hängematten kaufen ist wie Schuhe kaufen. Sind sie zu kurz, sind sie unbequem. Um zu wissen, ob sie passen, muss man selber reinschlüpfen.

  • So, auf die vielen Worte folgen jetzt ein paar Beweisfotos.

    Hier ist das gute Stück in der Gesamtansicht.





    Das erwähnte Dreieck am Kopfende. Es liegt halbwegs dicht an, der gewählte Winkel passt also.



    Der Reißverschluß verschwindet unter der Abdeckung.



    Mit zwei in der Spite der Hängematte befestigten Schnüren kann ich das Moskitonetz hochbinden. So stört es nicht, wenn ich mal freien Blick in den Himmel haben will.


    Hängematten kaufen ist wie Schuhe kaufen. Sind sie zu kurz, sind sie unbequem. Um zu wissen, ob sie passen, muss man selber reinschlüpfen.

  • Fotos von der seitlichen Ablage (Shelf)




    Das Fußende


    Der Faltenwurf gefällt mir nicht. Da kommt noch ein Abnäher hin.


    Hängematten kaufen ist wie Schuhe kaufen. Sind sie zu kurz, sind sie unbequem. Um zu wissen, ob sie passen, muss man selber reinschlüpfen.

  • Heute Nacht wird erst einmal testgeschlafen. Wenn alles funktioniert, kommt die Hängematte am Wochenende mit auf die Trekkingtour in Franken.

    Hängematten kaufen ist wie Schuhe kaufen. Sind sie zu kurz, sind sie unbequem. Um zu wissen, ob sie passen, muss man selber reinschlüpfen.

  • Ich hoffe das vermeiden zu können. Mein Netz ist viel dehnbarer als das von Warbonnet. Aber schauen wir mal.

    Hängematten kaufen ist wie Schuhe kaufen. Sind sie zu kurz, sind sie unbequem. Um zu wissen, ob sie passen, muss man selber reinschlüpfen.

  • Nix da. Fremde Ideen klauen, um damit Geld zu verdienen - sowas verträgt sich nicht mit meinen Werten. Warbonnet hat jede Menge Arbeit in die Entwicklung der Hängematte investiert, deshalb sollen sie auch davon profitieren. Wenn Du eine haben willst, dann bestelle das Original! Ich kenne da übrigens eine Händlerin ... ;)

    Hängematten kaufen ist wie Schuhe kaufen. Sind sie zu kurz, sind sie unbequem. Um zu wissen, ob sie passen, muss man selber reinschlüpfen.

  • Nix da. Fremde Ideen klauen, um damit Geld zu verdienen - sowas verträgt sich nicht mit meinen Werten. Warbonnet hat jede Menge Arbeit in die Entwicklung der Hängematte investiert, deshalb sollen sie auch davon profitieren. Wenn Du eine haben willst, dann bestelle das Original! Ich kenne da übrigens eine Händlerin ... ;)

    Kostenlos nehm ich auch...


    Warbonnet... hab das Rundumsorglospaket aus USA mitgebracht... Habs auch Treegirl beim Event gebeichtet.. Aber wenn man schon drüben ist... 😎😜

  • Hab mich gerade ein bisschen verliebt, die Hängematte ist der Hammer!!! Sieht wirklich super aus, ganz tolle Arbeit! Und danke für deinen unterhaltsamen Bericht! Würde mich auch der kostenlosen Sammelbestellung anschließen!;)

    Never without my Hammock!

  • Ja, die BB XLC ist bequemer als die Traveler. Das Moskitonetz erzeugt die Fußbox.


    Ich denke schon, dass der Stoff als UQP geeignet wäre. Leider gibt es ihn nicht mehr zu kaufen.

    Hängematten kaufen ist wie Schuhe kaufen. Sind sie zu kurz, sind sie unbequem. Um zu wissen, ob sie passen, muss man selber reinschlüpfen.

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