Wie ich auf die Idee mit den Kurven kam
Im Frühling 2016 habe ich (unter Anleitung) meine erste Hängematte selber genäht: 335cm lang, mit zwei Randstreifen auf knapp 190cm Breite erweitert. Als Stoff hatte ich das ziemlich feste und Vertrauen erweckende Hexon 2.4 von DutchWare Gear verwendet. Im Vergleich zur ENO DoubleNest (nur etwa 280cm lang und 188cm breit) empfand ich die Grösse als echten Luxus.
Kurze Zeit später habe ich mir dann - ganz selbständig - aus dem breiten Hexon 1.6 eine Hängematte mit den praktisch gleichen Massen genäht (335cm x 182cm). Doch dann kam die grosse Ernüchterung: In dieser Hängematte hing ich im Bereich von Becken und Gesäss unangenehm durch. Auch bekam ich deswegen immer wieder etwas Rückenschmerzen.
Daraus ergab sich ein Dilemma: Einerseits ist eine leichte Hängematte wünschenswert, denn beim Wandern bin ich froh, wenn ich da und dort Gewicht einsparen kann, andererseits sind Rückenschmerzen nicht ganz das, was man sich von einer bequemen Hängematte wünscht.
Ich kam dann ziemlich schnell auf die Idee, am Kopf- und am Fussende der Hängematte eine Kurve in den Stoff zu schneiden und zwar so, dass die Hängematte in der Mitte etwas kürzer würde als am Rand. Davon versprach ich mir, dass sich der (für mich zu) elastische Stoff unter Becken und Gesäss etwas anhebt und damit mehr Support bietet.
Damit man sich etwas besser vorstellen kann, was ich meine, hier ein Bild:
Der Stoff ist am Kopf- und am Fussende so zugeschnitten, dass die Hängematte in der Mitte etwas kürzer wird als am Rand.
Erster Versuch
Mein erster Versuch verlief sogleich erfolgreich:
Auch wenn ich mich nicht mehr exakt ans genaue Vorgehen erinnere, da ich extrem kurzentschlossen ans Werk ging und auch nicht besonders sorgfältig arbeitete, habe ich grob das folgende Vorgehen in Erinnerung: Ich faltete die Hängematte in der Mitte und liess den Falz etwas über die Tischkante herunterhängen. In den Falz schob ich dann eine leicht biegbare Stange, die einiges breiter war als der Hängemattenstoff, eventuell auch zwei Stangen, jede leicht auf eine Seite verschoben. Jedenfalls entstand dadurch in der Mitte der Hängematte eine Kurve, denn die Ränder der Hängematte wurden durch das Gewicht der Stange(n) etwas weiter über den Tisch nach unten gezogen als die Mitte. Die beiden schön aufeinander liegenden Enden habe ich dann auf der Tischplatte - ich vermute gerade - abgeschnitten. Anschliessend habe ich von den Schnittkanten aus die Masse für die Tunnelzüge auf den Stoff übertragen und diese dann wie üblich, nur halt in einer leichten Kurve, mit drei Nähten festgenäht.
Dann die grosse Überraschung in der Praxis: Die Hängematte (ca. 342cm x 182cm) war viel bequemer! Und noch viel wichtiger: Ich bekam darin keine Rückenschmerzen mehr!
Verschiedene Wege zum Ziel
Man kann sich einer sinnvollen Kurve auf verschiedene Art und Weise annähern:
- Man kann praktisch vorgehen, wie ich das bei meinem ersten Versuch (siehe oben) mit Erfolg gemacht habe (Juni 2016).
- Auch mein zweiter Versuch war praktischer Natur: Ich habe einen Faden aufgehängt, etwas durchhängen lassen und dann diese Kurve auf den Stoff übertragen (Stichwort: Kettenlinie). Bei der zweiten Kurve habe ich etwas übertrieben, aber sie ist gerade noch bequem (Dezember 2016).
- Man kann sich aber auch auf verschiedenen Wegen auf mathematische Art und Weise einer Kurve annähern. So habe ich es bei meiner dritten Hängematte gemacht. Die mathematischen Überlegungen dazu sind relativ komplex (März 2017). (Bei dieser Hängematte bekomme ich nicht nur keine Rückenschmerzen, es kommt sogar vor, dass sie verschwinden, was aber eher an der Kurve als an der Mathematik liegen dürfte.)
- Bei einem vierten, ebenfalls mathematisch hergeleiteten Versuch ging ich zu weit und habe - letztlich gegen meine Intuition - eine zu tiefe Kurve gemacht (März 2017). Den Kanal habe ich wieder aufmachen müssen.
Einen relativ leicht nachvollziehbaren geometrisch-arithmetischen Weg habe ich erst relativ spät entdeckt. Weil er sich leicht veranschaulichen lässt, ohne dass es (hoffentlich) allzu kompliziert wird, stelle ich diesen nachfolgend vor. (Hinweis: Diese Kurve habe ich in der Praxis noch nicht getestet, sie führt aber - bei Beachtung der nachfolgenden Hinweise - nur zu einer relativ wenig tiefen Kurve, weshalb ich bei ihr keine ernsthaften Bedenken habe.)
Hängematte "verkürzen"
Dieser Weg zäumt das Pferd von hinten auf: Hier überlege ich nicht mehr, wie ich durchs Anheben von Becken und Gesäss eine angenehmere Liegeposition finde, sondern ich gehe von einer (zu) langen Hängematte aus und "verkürze" diese geometrisch-mathematisch auf ein für die Praxis sinnvolles Mass.
Fürs "Verkürzen" von Hängematten habe ich mich von den folgenden Überlegungen leiten lassen:
Man stelle sich eine sehr lange Hängematte vor, in der man sehr angenehm liegen kann (die Dehnung des Materials nicht berücksichtigt). Wenn man diese mit beiden Enden am gleichen Ort befestigt und unten wie einen Vorhang auf die volle Breite auseinander zieht, sieht sie - vom Kopf- oder Fussende aus gesehen - wie folgt aus:
Der Kreisbogen kann - je nach Breite der Hängematte - einen grösseren oder kleineren Winkel umfassen.
Macht man die Hängematte aus einem rechteckigen Stück Stoff, so ist der Radius des Kreisbogens überall gleich lang (was im Übrigen ein Merkmal eines Radius ist):
Möchte man eine Hängematte kürzer gestalten, aber ein vergleichbares (nicht gleiches!) Liegegefühl ermöglichen, so muss man die Aufhängung nach unten verschieben (die Hängematte "verkürzen"), während der Kreisbogen aber gleich bleibt. Das geht nur, wenn man die Hängematte im Zentrum stärker verkürzt als am Rand, was in der folgenden Skizze deutlich zu erkennen ist:
Eine solche Kurve lässt sich problemlos berechnen. Dadurch erhält man ein Gespür dafür, in welchem Rahmen sich eine sinnvolle Kurve bewegen sollte:
Die grün hinterlegten Felder in der Online-Tabelle können verändert werden. Die Kurve soll die Mitte der Hängematte gegenüber den Rändern verkürzen.
Beispiel:
Ich möchte gerne den Komfort einer 380cm langen und 160cm breiten Hängematte auf eine "nur" 342cm lange Hängematte herunterbrechen, die Hängematte also auf 90% ihrer ursprünglichen Länge verkürzen. In meinem Fall möchte ich also eine Hängematte, die 2,1mal so lang ist wie ich (184cm Körpergrösse), auf eine Länge von "nur" noch 1,9mal meine Körpergrösse verkürzen.
Um das zu erreichen, muss ich am Kopf- und am Fussende eine Kurve in den Stoff schneiden, die in der Mitte 1,83cm tief ist. Die Mitte der Hängematte wird also gegenüber dem Rand um rund 3,66cm verkürzt. Ist die Hängematte schmaler, so wird die Kurve weniger tief.
Praxis:
Für die Praxis würde ich empfehlen, eine Hängematte nicht mehr als 10% zu verkürzen, also nicht unter 90% der ursprünglichen Länge zu gehen. Zudem würde ich von einer Länge ausgehen, die mindestens 2mal so lang ist wie die eigene Körpergrösse, denn eine zu kurze Hängematte bleibt auch mit einer solchen Kurve zu kurz.
Zudem muss man sich vor Augen halten, dass individuelle Komfortbedürfnisse sehr unterschiedlich sind und Stoffe auch unterschiedlich elastisch sind. Ein elastischerer Stoff verträgt womöglich eine etwas ausgeprägtere Kurve als ein eher wenig elastischer Stoff.
Clew-Suspension als weiterer Zugang zur "Kurve"
In den letzten Monaten wurde hier im Forum gelegentlich die so genannte "Clew-Suspension" diskutiert. Dafür wird ein relativ kurzer Hängemattenkörper mit Seilen verlängert.
a) Eine solche Aufhängung der Hängematte kann über einem Kreisbogen aufgebaut werden (siehe z.B. hier am Beispiel eines Underquilts). In diesem Fall erhält man eine Hängematte, die grob einer Hängematte aus einem rechteckigen Stück Stoff entspricht, also keine Kurve hat: Alle Seile sind gleich lang.
b) Bei den klassischen "Seemanns-Hängematten" wie auch bei Hängematten aus dem militärischen Bereich werden die Seil-Fächer oft über einem rechteckigen Rahmen aufgebaut. Dadurch werden die Ränder der Hängematte gegenüber der Mitte verlängert (siehe hier am Beispiel einer militärischen Hängematte).
Derek Hansen (siehe zweites Video im vorigen Abschnitt) baut seinen Seil-Fächer für einen nur 193cm langen und 100cm breiten Hängemattenkörper über einem rechteckigen Rahmen auf, der 61cm hoch und knapp 46cm breit ist. Allerdings bringt er die einzelnen Aufhängepunkte am Rahmen in einer leichten Kurve an. Berücksichtigt man diese Kurve nicht, so erhält man nach seiner Anleitung eine Kurve, die die Mitte der Hängematte gegenüber dem Rand um gute 4cm pro Seite verkürzt! Das sind auf die ganze Hängematte fast 8,3cm! Wenn man diese Kurve nun noch auf eine 160cm breite Hängematte hochrechnen würde (wie im Beispiel oben), käme man auf eine Kurve, die rund 10,4cm tief wäre, die Mitte der Hängematte gegenüber dem Rand also um gegen 20,8cm verkürzen würde.
Das Beispiel der Clew-Suspension zeigt, wie gering die Kurve für eine Verkürzung einer Hängematte von 380cm auf 342cm Länge im Grunde ist. Und schon eine solch leichte Kurve macht aus meiner Erfahrung einen spürbaren Unterschied!
Ausblick
So simpel eine solche Kurve auch ist, kleine Veränderungen haben oft eine erstaunliche Auswirkung. Nur schon, ob man die Hängematte mit einer Schlaufe durch den Tunnelzug aufhängt oder sie an den Enden whippt, macht einen spürbaren Unterschied. Werden diese Unterschiede durch einen Kurvenschnitt weiter verändert, so kommt man wieder zu ganz anderen Resultaten. Dabei ist vermutlich das, was jemand als bequem empfindet, wie so oft individuell sehr verschieden. So verstehe ich diesen Beitrag einfach als Gedankenanstoss im grossen Wald der Ideen. Für mich sehe ich darin ein grosses Potenzial, andere haben damit vielleicht keinen Erfolg.