Auf dem Oder-Neiße-Radweg zur Ostsee

  • Tag 1 - Anfahrt mit der Bahn


    Nach der Arbeit gab ich meinem Gepäck noch den letzten Schliff.

    Hängematte oder Zelt? An der Neiße gibt es Bäume, an der Oder wird es schwierig werden, welche zu finden. Auf Nummer sicher gehen und die ganze Zeit im Zelt schlafen? Nein, nur wenn ich muss. Das Gatewood Cape mit Serenity Net Tent nehmen doch nicht so viel Platz weg. Die NeoAir Isomatte auch nicht. Also beides mitnehmen? Ja. Dann bleibt eben das Kissen zu Hause.

    Moskitonetz für die Hängematte? Ach was, hab ich schon ewig nicht mehr gebraucht. Vielleicht das Half-Bug-Net? Gut, am Fluß gibt es vielleicht doch ein paar Mücken. Oh, ein Tarp brauche ich noch, falls es regnet. Das kleine leichte oder das 3x3 Tarntarp? Lieber das große, da kann ich das Fahrrad besser verstecken. Mann, sind die Taschen voll! Jetzt müssen noch 3 Liter Wasser mit rein. Und was mache ich mit den Tomaten und den beiden Gurken? Die werden doch schlecht zu Hause. Mitnehmen. Die beiden Äpfel auch. Okay, fliegt eben der Pullover auch noch raus, dann passen sie noch mit rein. Ist das schwer! Jetzt aber schnell zum Zug!



    Im Zug nach Dresden bin ich das einzige Fahrrad. Umsteigen geht einfach. Abfahrt rund 10 Minuten später am Nachbarbahnsteig. Aber was ist das? Ich will doch nach Zittau und an der Anzeige steht Görlitz / Liberec. Hm, Abfahrtszeit und Bahnsteig stimmen. Egal, schnell rein, hier kommen noch fünf Fahrräder. Schnell die drei Packtaschen abmachen, damit die anderen Räder auch reinpassen. Jetzt kommt die Schaffnerin und schimpft, daß zu viele Räder im Zug wären. Egal, er fährt schon. Bei der Fahrscheinkontrolle frage ich sie, ob der Zug nach Zittau fährt. Ja schon, aber mein Waggon wird abgekoppelt und fährt nach Görlitz. Das vordere Fahrradabteil wäre aber eh schon voll. Ich müsse dann sehen, ob mich der nächste Zug mitnimmt. Die Chancen stünden aber eher schlecht. Urlaubszeit.

    Vier der anderen Radfahrer wollen auch nach Zittau. Und mein Rad steht ganz hinten. :(

    Beim nächsten Halt versuchen wir unser Glück und zwängen uns ins andere Fahrradabteil. Mit dem Fahrrad in der einen und drei Packtaschen in der anderen Hand nicht einfach. Aber wir helfen uns gegenseitig. Zum Glück ist die Schaffnerin anderweitig beschäftigt und sieht den total verperrten Durchgang erst, als der Zug wieder fährt. Sie schreit eine Weile rum, aber als die fahrradlosen Mitreisenden ihr Solidarität mit uns ausdrücken beruhigt sie sich etwas. Wir hatten alle einen anstrengenden Tag.

    Zittau. Endlich raus aus dem Zug! Es wird schon langsam dunkel. Schnell nach Hirschfelde radeln und dort am Neißehang ein Plätzchen für die Nacht suchen.

    Hier biegt ein Waldweg vom Radweg ab. Den nehme ich, auch wenn er sehr zerfurcht ist. Murks, hier ist er mit Absicht versperrt worden. Durch das Astwerk komme ich mit dem Rad nicht durch.

    Also Fahrrad zurücklassen und gut tarnen.



    Ja, hier sieht es besser aus. Ich hänge mich quer über den Weg. Aua, was war den das? Ich bin von Mücken umringt. Schnell in die Hängematte, Topquilt über die Beine und Netz über den Kopf. Ist das warm! Doch was hilft's? Lieber schwitzen als gestochen werden.

    Omnia vincit lectulus pensilis.

  • Tag 2 - Der Tag der schrecklichen Erkenntnis


    Raus aus der Hängematte und - nein, nicht frühstücken. Schnell zusammenpacken, sonst zerstechen mich die Biester noch. Schneller, schneller, okay noch ein Foto.



    So, geschafft, bin wieder auf dem Radweg. Heute geht es richtig los. Rechts der Fluß, die Grenzmarkierungen und der Wildschweinschutzzaun werden meine Begleiter sein. Der Zaun soll übrigens verhindern, daß polnische Wildschweine deutsche Wildschweine mit afrikanischer Schweinepest anstecken. Also Grenzen dicht! Na ja, wenn's hilft.



    Vorbei geht's am Kloster Marienthal. Hübsch hier. Total ruhig. Schlafen die noch? Oh, es ist ja erst kurz vor 6 am Morgen. Aber vielleicht halten die Nonnen auch schon Morgenandacht.

    Nun gibt es auch einen schönen Blick auf die Neiße. Fahrradfahren macht Spaß.





    Und da ist auch schön Görlitz bzw. der polnische Teil der Stadt, also Zgorzelec zu sehen.


    Omnia vincit lectulus pensilis.

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  • Hier stimmt die Zeit, da der 15. Längengrad, auf den die Mitteleuropäische Zeit MEZ bezogen ist, hier verläuft. In Görlitz war ich schon oft, deshalb spare ich mir den Abstecher in die sehr sehenswerte Altstadt. Nur noch schnell ein Foto.



    Fahrradfahren macht Spaß. Vorbei geht es an der "Geheimen Welt von Tursede" einer Art Disneyland auf der Kulturinsel Einsiedel. Wunderschön!



    Hinter Rothenburg bekomme ich Hunger und vor allem Durst. Neben Matjesfilet und einem großen Bier gönne ich mir noch ein Eis.

    Das nächste Highlight ist Bad Muskau mit dem Fürst-Pückler-Park. Ja genau, der mit dem Eis. Der Fürst, nicht der Park.



    Ich fahre durch den Park und finde ein Baumpaar im passenden Abstand. Fahrradfahren macht zwar Spaß, aber im Schatten liegen noch viel größeren. Behauptet jedenfalls mein Rücken. Ach, wird das herrlich!



    Wo sind bloß die Baumgurte? Ich hab sie doch mit in den Packsack ...

    Moment. Hab ich nicht. Sie hängen noch bei Hirschfelde, nun rund 100 km entfernt. Die Mücken und weil das Packen so schnell gehen sollte ...

    Ich habe nie verstanden, wie man die Baumgurte vergessen kann. Man schaut sich doch noch mal um, wenn man seine Sachen zusammmengepackt hat. Zum Glück kann mir so etwas nicht passieren. Und nun das. Wo bekomme ich jetzt Baumgurte her? Baumarkt? Eventuell Autozubehör? Es ist Sonnabend, kurz nach 15 Uhr. Also ist Eile geboten, bevor die Läden schließen. Google fragen: Wo ist der nächste Baumarkt? Was? In diesem <Schimpfwörter entfernt> gibt es keinen Baumarkt? Der nächste ist 30 km entfernt vom Radweg?

    Nachdem die Tränen versiegt waren setzte sich die bittere Erkenntnis durch: Strafe muss sein. Unwürdiger Baumgurtvergesser, du wirst büßen! Im Staube wirst du dich winden! Der harte Boden wird dein Nachtlager sein. Weinend wirst du deiner Hängematte versprechen, daß du nie wieder, niemals und überhaupt nicht mehr, nie mehr die Baumgurte hängen läßt. Bußfrist bis Montag, wenn du in einer Stadt mit Baumarkt, wahrscheinlich Frankfurt/Oder, vorbeikommst.


    So, genug gejammert. Noch zwei Fotos vom Park und weiter wird geradelt.



  • In Forst waren zwar laut Karte einige Gaststätten entlang des Radweges, aber der Radweg war gesperrt und auf der Umleitungsstrecke fand ich keine, die geöffnet hatte. Ich habe mich auch nicht lange hier aufgehalten und auf das Anschauen der Rosen verzichtet, weil ich noch ein paar Kilometer hinter mich bringen musste, um den Einbruch der Dunkelheit nicht gerade am Tagebau Jänschwalde zu erleben.



    Also fix weiter. In Sacro konnte ich dann einem Biergarten doch nicht widerstehen und aß erst einmal Abendbrot und füllte meine Wasserflaschen wieder auf. Wasserverbrauch heute 4,5 Liter. Nun wurde es schnell dunkel. Ich konnte im letzten Licht gerade noch in ein Wäldchen abbiegen und mein Net Tent aufbauen und wurde dabei von blutrünstigen Mücken gepiesackt. Rein ins Zelt, Reißverschluß zu und ausgestreckt. Tagesleistung 151 km. Nicht schlecht für so einen alten Knacker wie mich. :)

    Omnia vincit lectulus pensilis.

  • Tag 3 - Fahren oder gestochen werden


    Ganz früh am Morgen, mit dem Einsetzen der Dämmerung wachte ich auf. Genauer gesagt ging aufgrund hohen Blasendrucks der Tief- in Halbschlaf über und ein Dreikampf begann. Auf der einen Seite stand die Müdigkeit / das Verlangen des geschundenen Körpers nach Erholung und der Horror vor den draußen lauernden Blutsaugern, auf der anderen Seite kämpfte der stetig steigende Druck. Ich war gerade dabe, wieder in den Tiefschlaf zu gleiten, da bekam die Blase unerwartete Unterstützung. Es begann zu regnen. Erst folgte ein Tropfen bedächtig dem anderen, dann klatschten die Regentropfen um die Wette auf mein Mückennetz. Eigentlich wollte ich mir gerade überlegen, wie ich es am schnellsten fertigbringe, den Reißverschluß zu öffnen, rauszuspringen, den Reißverschluß wieder zu verschließen, um meine Behausung mückenfrei zu halten, zum Fahrrad zu sprinten, das Gatewood Cape zu suchen, Druck von der Blase zu lassen, das Cape über das Mückenzelt zu werfen (oder vielleicht sogar richtig abspannen?), den Reißverschluß wieder zu öffnen, alleine - ohne Mücken - wieder einzusteigen und die Schotten dichtzumachen, aber dazu ließ mir das Trommeln des Regens keine Zeit. Also im Halbschlaf raus, in der Hoffnung mir im Halbdunkel nicht den Kopf an einem Baum oder Ast zu prellen. Ich weiß nicht wie ich es geschafft habe, aber in wenigen Sekunden hatte ich es geschafft, das Überzelt überzuwerfen und zu verspannen, zu pinkeln, von etwa 20 Mücken ausgesaugt zu werden, mir die große Zehe an einem Ast aufzureißen und wieder ins Zelt zu gelangen, ohne daß mein Quilt sehr naß geworden wäre. Ich hingegen schon. Hält das feine Moskitonetz so viel Regen ab?

    Jedenfalls war ich jetzt munter. Leider hielt der Regen nur wenige Minuten an und es wurde sehr schnell hell. Kein Grund mehr, länger faul herumzuliegen und sich der unvermeidlichen Auseinandersetzung mit den Mücken zu entziehen.

    Etwa 50 Stiche später war alles irgendwie (also wild durcheinander) verstaut und ich wieder auf dem Sattel.



    Nach dem Regenguß war es heute furchtbar schwül. Da ja mückenbedingt sowohl das abendliche als auch das morgendliche Waschen ausfiel, klebte alles. Ekelhaft!



    Zu Guben gibt es eigentlich nur zu sagen, daß es früher mal Wilhelm-Pieck-Stadt Guben hieß und daß ich schnell durchgefahren bin, weil es auf mich einen sehr öden Eindruck machte.

    Das Highlight des Tages war eindeutig dieser See bei Bresinchen.



    Sauberes,badewannenwarmes Wasser mit kleinen und großen Fischen drin. Sicher ein Paradies für Angler. Sogar mückenfrei! Ach, tat das Baden (gleich in voller Montur, die Sachen mußten ja auch gewaschen werden) gut! Zähneputzen, Wechselwäsche an und ich fühlte mich wieder wie ein zivilisierter Mensch. Fahrradfahren macht Spaß.



    Gut, auf solchen sich über viele Kilometer hinziehenden und gleich aussehenden Abschnitten vielleicht weniger, aber es hält wenigstens die Mücken ab. Denn sobald man auch nur kurz anhält, um einen Schluck zu trinken, fallen die Biester sofort über einen her.

    In Ratzdorf (hier mündet die Oder in die Neiße bzw. umgekehrt) auf dem Michael-Jackson-Spielplatz (den hat er nach dem Oderhochwasser gespendet) hat der Hunger über die Angst, gestochen zu werden, gesiegt und ich habe erst mal gefrühstückt.

    Es ist schwül und tröpfelt immer wieder mal.


    Es gibt schöne Ausblicke



    und welche mit zweifelhafter Schönheit.



    Dem Schema ordnen sich auch Eisenhüttenstadt (ehemals Stalinstadt, häßlich, trostlose Neubauten) und Fürstenberg (hübsch, heute Stadtteil von "Hütte") unter. Ich sehe zu, daß ich weiterkomme. Stehenbleiben bedeutet, gestochen zu werden. Besonders reizvoll ist der Oderradweg hier sowieso nicht. Radweg, Damm, Oder. Über viele Kilometer. Fahrradfahren soll Spaß machen? Ich habe da so meine Zweifel.


    In Lossow, südlich von Frankfurt, biege ich vom Radweg ab und fahre zum Helenesee. Es ist zwar noch früh am Nachmittag, aber es wird Zeit, mal wieder im See zu baden oder eventuell auf dem Campingplatz zu übernachten und eine warme Dusche zu genießen.


    Weil es wieder zu regnen anfing, entschied ich mich für den Campingplatz. Ach, soviele Bäume im geeigneten Abstand und ich ohne Baumgurte! :(


    Tagesleistung 81 km

    Omnia vincit lectulus pensilis.

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  • Tag 4 - Faulenzen tut gut


    Der heutige Tag kann fast als Ruhetag durchgehen. Ich habe vor, in Küstrin den Radweg zu verlassen und nach Seelow abzubiegen, um einen alten Kumpel zu besuchen. Da er heute erst gegen 15 Uhr aus dem Urlaub zurückkommt, kann ich mir für die rund 60 km Zeit lassen.


    So gegen 9 Uhr packe ich mein Gatewood Cape zusammen und führe gleich ein Fachgespräch mit einem Camper, der die Idee super findet, ein Regenponche als Zelt aufzuspannen. Als ich ihm dann die technischen Daten, vor allem das Gewicht nenne, ist er hochbegeistert.



    Die rund 10 km bis Frankfurt sind schnell geradelt. Nachdem ich die letzte mitgebrachte Tomate verspeist habe, geht es erst mal einkaufen. Heute ist Montag und der Baumarkt hat wieder auf. Ach, wie freue ich mich!



    Ist das nicht ein toller Anblick? Endlich wieder Baumgurte! :love:

    Die müssen wir doch gleich mal ausprobieren. Bei dem recht straffen Wind (selbstverständlich von vorn, aber das weiß ja jeder Radfahrer) kann ich auch gleich mal die Ausrüstung trocknen lassen. Ein Nickerchen wäre ja nicht schlecht, aber das Knattern des Silnylon im Wind hält mich munter.



    Vorher gibt's an der Zapfstelle noch was zu trinken. Tolle Idee, so ein Frischmilchzapfautomat.



    In Lebus hat man den Eindruck, man könne bei Niedrigwasser die Oder einfach furten. Keine Ahnung, ob es mit einem entsprechenden Fahrzeug klappen würde.



    Viel Verkehr scheint jedenfalls nicht zu sein, die Störche lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.



    Die Leute, die oberhalb der Kirche ihr Haus gebaut haben, müssen sich nicht vor einem Hochwasser fürchten und haben darüber hinaus noch einen prima Blick auf den Fluß.

    Omnia vincit lectulus pensilis.

    Edited 2 times, last by Mittagsfrost ().

  • So, der Sturm auf die Seelower Höhen steht bevor. Vielleicht sollte ich aber vorher noch einen kurzen Abstecher in den Blühstreifen unternehmen? Die Dame des Hauses liebt Blumen und ich will ja heute dort übernachten und Bier trinken und ihren Mann in stundenlange Gespräche verwickeln ...



    Tag 5 - Treten, treten, treten


    Frisch geduscht und gefrühstückt und mit reichlich Proviant versehen ging es gegen 10 wieder zur Grenze, um in Kietz-Küstrin auf den Oder-Neiße-Radweg zu stoßen. Der Wind blies - wie üblich - kräftig von vorn, die Mückenplage hatte sich vorerst erledigt.




    Schöne Abschnitte wechselten sich mit weniger interessanten ab. Auf den langweiligen Teilen motivierte ich mich mit Kilometerzählen. 100m für die Mama, 100 m für den Papa, ... :) Na ja, manchmal macht Fahrradfahren schon Spaß.


    Die Uferpromenade von Schwedt gefiel mir gut, leider habe ich das Fotografieren vergessen.

    Nach 116 km Strampelei gegen den Wind war ich dann in der Abenddämmerung gerade noch in der Lage, meine Hängematte gut versteckt aufzubauen und glitt sofort in einen tiefen Schlaf. Herrlich, wenn man Baumgurte hat! ;)



    Omnia vincit lectulus pensilis.

    Edited 2 times, last by Mittagsfrost ().

  • Tag 6 - Mann, tut mir der Hintern weh


    Nach einer erholsamen Nacht (Hängematte eben!) setzte ich mich wieder auf's Rad. Der gestrige Wind hatte die Mücken wohl fortgeweht? Oder war es ihnen zu heiß geworden? Der Morgentau war jedenfalls recht schnell verschwunden.

    Ich kam ordentlich ins Schwitzen. Das lag zum einen an der glühenden Sonne (über 30 Grad), zum anderen am Streckenprofil. Nach etwa 20 km verließ der Radweg die Oder und führte jetzt über Land. Heute ist der Tag des Bergauf-Bergabfahrens. Ich gebe zu, mehrere Kilometer habe ich das Rad geschoben. Es besitzt zwar drei Gänge, aber der zweite funktioniert nur manchmal und der erste so gut wie gar nicht. Meinem geplagten Hintern tat das Laufen auch sehr gut. Man kann sagen, er hat jeden Schritt genossen.



    Der Schloßsee in Penkun war - obwohl ziemlich trüb - eine willkommene Gelegenheit, sich abzukühlen, die Daunensachen zu trocknen und den fahrradgeplagten Körperteilen etwas Ruhe zu gönnen. Meine Wasserflaschen sind auch schon wieder leer. Zeit, sie am nächsten Biergarten wieder aufzufüllen.


    Weiter gehts, und wieder bergauf-bergab. Die Höhenunterschiede betragen zwar nur selten mehr als 10 m, aber ich genieße jeden Dezimeter, den es heruntergeht. Da kann ich mich nämlich auf die Pedalen stellen und muß nicht sitzen. Die Gegend ist hübsch und sehr abwechslungsreich, aber mir ist nicht nach Fotografieren, sondern nur nach Trinken und Nichtsitzenmüssen.


    Nach etwa 100 km setzte dann die Dämmerung ein und es wurde Zeit, sich einen Übernachtungsplatz zu suchen. Hier in Rieth gab es zwar kein Mobilfunknetz, dafür aber jede Menge hungriger Mücken. Nein, nicht schon wieder!

    Eigentlich wollte ich ja die beiden Bäume im Bildhintergrund für meine Hängematte nutzen, aber das Net Tent erschien mir in Anbetracht des potentiellen Blutverlustes doch als die bessere Alternative. Schnell noch unter die Zeltplatzdusche und dann ab in die Koje!



    Eigentlich wollte ich noch noodles mein morgiges Eintreffen in Greifswald ankündigen, aber mangels Netz mußte ich den Anruf vertagen. Ach, schön, so auf dem Bauch oder der Seite zu liegen!

    Omnia vincit lectulus pensilis.

    Edited 2 times, last by Mittagsfrost ().

  • Tag 7 - Durchgerüttelt und von der Hitze gequält



    Die Sonne brennt. Wie schön wäre es, jetzt aufs Boot umzusteigen und zu segeln, statt zu strampeln.

    Hatte irgendjemand mal behauptet, Fahrradfahren wäre schön? Der Bursche hat ja keine Ahnung!

    Nicht nur, daß hier mal in die Telefoninfrastruktur investiert werden müßte, nein auch die Verkehrswege hätten eine Modernisierung nötig. Manche Dorfstraße hat anscheinend seit dem Dreißigjährigen Krieg keine Sanierung mehr erfahren. Sind das Huckelpisten! Vorbei die Zeiten des sanften Dahinrollens auf Asphalt. Hier am Stettiner Haff ist Katzenkopfpflaster angesagt. Bei dem Geruckel lösen sich nicht nur Nieren und Gallensteine. Wenn man nicht aufpasst, fallen einem auch die Plomben aus den Zähnen!

    Da, endlich ein Sandweg!



    In Ueckermünde gibt es wieder Netz. Ich frage bei Noodles an, ob er Lust und Zeit zum gemeinsamen Abhängen hätte. Er antwortet mir aus Norwegen. Ja, so ist das bei unangekündigten Besuchen. :(


    Anklam ist eine hübsche Stadt.



    Aber außerhalb wird alles, was nicht Bundesstraße heißt, für Mensch und Material zur Tortur. Ich muß jetzt sowieso den Radweg verlassen. Er führt nach Usedom, ich will aber nach Greifswald. Was tun? Nehme ich die lokalen Radwege, Buckelpisten, die durch den Wald führen? Oder wage ich mich auf die B 109? Asphalt, aber Sonnenglut und Lkws. Ich beweise Mut. Die 40 km halte ich das durch.


    Und dann ist es so weit, ich bin am Ziel meiner Reise, ich bin in Greifswald! :love:



    Mann, bin ich geschafft! Die 90 km hatten es in sich. Jetzt geht es erst mal nach Wieck, in meine Lieblingsfischgaststätte.



    Mmmm, lecker Labskaus! Das gibt mir die nötigen Mineralstoffe. Wie Ihr sehen könnt, ist auch das Bier schon wieder fast verdunstet. Dabei hatte ich es gerade erst hingestellt.

    Gestärkt und etwas ausgeruht mache ich mich auf in Richtung Innenstadt.



    Hier der Greifswalder Dom. Wieviele Tage ich in Greifswald verbringen werde, weiß ich noch nicht. Aber eins ist sicher. Zurück fahre ich mit der Bahn. Bei der Hitze tue ich mir die Strecke nicht noch einmal an. Und dann auch noch bergauf (flußaufwärts). Nein, das könnt Ihr vergessen! Ich fahre Bahn und dann verbringe ich den Resturlaub im Garten in der Hängematte!

    Omnia vincit lectulus pensilis.

    Edited once, last by Mittagsfrost ().

  • Mann, da warst du ja tüchtig: 150 km an einem Tag und das mit dem Gepäck!!!!

    Als ich beim Lesen des Textes bei den hängengelassenen Baumgurten war hatte ich tiefstes Mitleid mit dir. Sowas Blödes aber auch....

    War doch gut, dass du noch das Zelt dabei hattest, denn eine HM ohne Aufhängung ist leider nutzlos.


    Ich wünsche dir jetzt gute Erholung von der Reise (danke für die schönen Fotos und den gut geschriebenen Text!) und angenehme Nächte in der HM! An Baumgurten wird es dir ja nicht mangeln....

  • Danke für den schönen und unterhaltsamen Bericht! Und diese Tagesleistungen auch noch auf einem Rad mit (kaputter) Dreigangnabe, das sich wahrscheinlich schon ohne Gepäck ziemlich zäh fährt - Respekt!!!


    Ich weiß schon, warum ich mit Rad möglichst nur noch Fernverkehrszüge nehme, da hat man seinen reservierten Stellplatz sicher und muss sich nicht den Stress mit unkooperativen Schaffnern oder Mitreisenden antun.

  • Deine Kommentare in anderen Themen finde ich immer sehr gewinnbringend, weil sie zum einen unterhaltsam und zum anderen alternativ sind. Umso mehr habe ich mich gefreut, als im Dashboard ein eigenes Thema von dir angezeigt wurde Mittagsfrost .


    Dein Rad ist natürlich der Hammer: Es hat doppelt soviele Rück-Reflektoren als funktionierende Gänge :D. Ist also auch sehr Bundesstraßen tauglich.


    Schön zu sehen, dass der Dom nicht mehr eingetütet ist und die Uhr scheinbar wieder funktioniert. Ein paar Jahre lang war es dort stets 5 vor 12 :S.

  • Ja, mein Rad ist schon etwas speziell. Ich hatte es damals für 170 DM im Baumarkt gekauft, aber es tut, was es soll. Es hat mich nun schon zum dritten Mal von Südsachsen bis an die Ostsee gebracht. Diebe haben zum Glück seine inneren Werte noch nicht erkannt und es nur nach Äußerlichkeiten beurteilt, d.h. stehengelassen. Möge es so bleiben!


    Ein kurzes Fazit der Reise:

    - Vermeide größere Touren im Hochsommer! Es sei denn, du bist Masochist.

    - Wenn du das Etui der Fahrradbrille mit allen Wechselgläsern mitnimmst, dann nimm auch die Fahrradbrille und nicht die Sonnenbrille mit!

    - Laß die Baumgurte nicht allein zurück!!!!!

    - Hängematte UND Zelt sind manchmal Gold wert. ;)

    - Kochgeschirr kann man sich im Hochsommer sparen.

    - Eine Woche nach der Tour macht Fahrradfahren wieder Spaß.

    Omnia vincit lectulus pensilis.

  • Wenn ich mir überlege, wie sehr ich mit meinem Hightech-Monster bei der Hitze gekämpft habe, kann ich nur sagen Respekt! Bei der elenden Hitze (und der Mückenplage nach auch Feuchtigkeit) hätte ich wahrscheinlich gute Lust gehabt, das ganze am nächsten Bahnhof zu beenden...


    Immerhin hätte ich so oder so nicht zu Boden gehen müssen :D .

  • Mittagsfrost

    Vielen lieben Dank für Mitnehmen auf Deine Tour!

    Sehr gut geschrieben, immer Deine Stimme im Hinterkopf und auch die Bilder sind klasse!


    Ein Freund, Coach und Weltreisender ist gerade mit dem Rad von Karlsruhe nach Island unterwegs und auch entlang der Flüsse Neckar, Main, Saale, Elbe bis nach Kiel, Flensburg bis nach Hirtshals.

    Landschaften und Erlebnisse sind ähnlich.


    Leider ist er noch nicht Hängematten bekehrt und muss zelten.

    Für Island haben wir ihm nach Kiel ein geodätisches Zelt geschickt, da sein UL Stöffchen nicht tauglich gewesen wäre.

    Das mit dem Kochgeschirr ist zwar einleuchtend, aber falls man sich krank fühlt, tut ein heisser Tee oder ne Suppe auch sehr gut.

    Kalten Kaffee will ja auch keiner.

    Aber richtig Kochen hat keiner Lust bei dem Temperaturen.


    Kommst Du zum Herbsttreffen mit dem Rad?

  • Schöner Bericht, sehr eindrucksvoll. Der Radweg an der Oder hat mich bisher immer etwas wegen vermuteter Langweiligkeit ABGESCHRECKT. Ich bastele mir deshalb meistens MTB-Routen auf Wanderwegen. Nach deinem Bericht bin ich aber jetzt doch neugierig geworden.


    Schade, dass wir uns nicht getroffen haben, wir hätten so schön mit "Störtebecker" am Strand hängen können.... Und nie wieder das Prinzip "LNT" vergessen: (LEAVE! NO! TREESTRAPS! )

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