Hängemattencamping mit "Schockmoment"

  • Hängemattencamping mit "Schockmoment"


    #hammockcamping #walden #unserspessart


    Papa, Tochter Overnighter Nr.12 in 2020


    Eigentlich alles ganz normal, die Sehnsucht nach Wald war da, also hieß es Rucksäcke packen und "Auf geht's"


    Kurz noch den Wetterbericht gecheckt,

    ein bisschen Regen und am nächsten Tag Sonne. Yeah Spessart wir kommen!


    Die Temperaturen waren im Vergleich zu den letzten Wochen deutlich gesunken und etwas Regen am Abend war also vorhergesagt. "Was uns freute weil wir nach unserer Tour noch einen Anstieg vor uns hatten bevor wir einen unserer Lieblingsplätze erreichten" Und bei Regen im Wald lässtes sich ja sowieso soooo wunderbaaaaar schlafen"


    Lager aufgebaut, Feuerholz gesammelt und stolz auf mein Waldmädchen dass mittlerweile mit ca. 6kg schon gut Strecke macht, kurz danach fing der Regen auch schon an. "Perfektes Timing"


    Wir waren bester Laune, der Hobo brannte und die neue Jägerpfanne und die leckeren Filetsteaks vom Metzger unseres Vertrauens rundeten den Abend ab.


    Dankbar für die tollen Momente in der Natur, das leckere Essen im Bauch wollten wir so langsam die Nachtruhe einkehren lassen.


    Dann kam allerdings alles anders....


    Nochmal austreten war angesagt und dann


    "Ruummms Krach Peng"


    So laut wie ich es auch noch nie erlebt hatte..


    Im ersten Moment das Rauschen wie viele Äste mit Blättern zerfetzt wurden und dann der Aufschlag.


    Bis ich realisiert hatte dass da gerade ein echt fetter Prügel vor uns runterkam, hat es ein paar Sekunden gedauert.


    Und ehrlich gesagt hatte ich vor Schreck selbst fast die Hosen voll.

    Instinktiv hab ich in dem Moment meine Tochter versucht von der noch nicht wirklich eindeutig zugeordneten Gefahrenquelle wegzudrehen und hab sie dabei fast "umgenocked"


    Selbst unsere Stirnlampen und die zusätzlichen 1000 Lumen aus meiner Hosentasche ließen noch nicht 100% Licht ins Dunkele bringen aber mittlerweile war ich mir sicher da kam ein wirklich fetter Ast runter.


    Nachdem ich meine Tochter und ehrlich gesagt mich selbst beruhigt hatte könnten wir wohlauf in unsere Hängematte kriechen.


    Dennoch kreisten verständlicherweise vor dem einschlafen meine Gedanken um dass gerade erlebte.


    Unsere Hängeplätze habe ich wie immer konntroliert, der Blick nach oben gehört zum Aufbauritual.

    Die ein oder andere Geschichte von Witwenmachern die Leute in der Hängematte erschlagen haben hat man schließlich schon gehört.


    Und im Umfeld bei Wind hat man bei einigen Overnightern auch schon den ein oder andere Ast zu Boden rauschen hören aber so nah am Lager noch nie.

    Am nächsten Morgen haben wir den Übeltäter ca. 15m entfernt entdeckt


    Ein Ast ca 3m lang und gut 20cm dick. Der hätte definitiv Kopfschmerzen bereitet.


    Ich werde in Zukunft "mit Sicherheit" nicht nur unsere Hängeplätze genau anschauen sondern auch die Bäume im Umfeld. Wir hatten Windstille und ich hätte niemals damit gerechnet dass da so ein Prügel runterkommt.


    Also passt auf Euch auf, lieber genauer und öfter der Blick in die Wipfel, es kann schneller gehen als man denkt.


    Hoffe die Geschichte animiert den ein oder anderen einen genauern Blick in die Bäume zu werfen. Mir läuft es immer noch kalt den Rücken hinunter wenn ich daran denke.


    Hättet ihr auch schon Mal so ein Erlebnis?



    PS: ich schaue jetzt erstmal nach einer Ultralight Football Ausrüstungen für die Hängematte.;)


    LG Passt auf Euch auf und viel Spaß in der Natur









    Never without my Hammock!

  • Danke für deinen Bericht zur Tour, die ja zum Glück nochmal gut ausgegangen ist.


    Den Platz ganz ohne dürre Äste gibt es wohl nur ganz selten. Für mich immer schwierig abzuwägen, was ich als «noch in Ordnung» einstufe und was definitiv «nicht geht». Dein Bericht verschiebt wohl meine Grenze wieder ein Stück von der ersten in Richtung zweite Einschätzung. Erschreckend finde ich, dass der Ast bei Windstille heruntergekommen ist. Damit würde man wohl wirklich nicht rechnen.


    Ich hängte meine Hängematte diesen Frühling mal unmittelbar neben einem toten Baum in einer eher dichten Fichtenplantage auf. Den Platz hatte ich auch nur gewählt, weil der Baum definitiv nicht in meine Richtung geneigt war, der einzige sinnvolle Platz vor Ort war, den ich angesichts der einsetzenden Dämmerung finden konnte, und – vor allem – weil es vollkommen windstill war. Windstille scheint aber definitiv kein ausreichendes Argument zu sein.


    Auch wenn ich die Chance, dass ein solcher Baum genau in der Nacht umfällt, in der ich dort hänge, für verschwindend klein halte (die meisten Totständer stehen ja noch Jahre nach dem Absterben und man wundert sich immer wieder, wann er denn endlich umfällt), so war das definitiv keine gute Platzwahl gewesen.

  • Ich habe es bisher zweimal erlebt, dass in meiner direkten Nähe fette Äste runtergekommen sind. Beide Male habe ich mich fürstlich erschreckt, da das Gräusch immer so laut war, als ob es direkt über mir geschieht. Jedes Mal war ich aber gute 15 bis 25 Meter entfernt.


    Einmal war es im Sommer, einmal im Winter. Letzteres macht es noch schwieriger, da in dieser Jahreszeit ein toter Ast von einem versorgten eigentlich nicht unterschieden werden kann ohne Laub. Ich habe gelesen, dass einige Bäume zu "Spontanabwürfen" neigen, wenn die Versorgungslage mit Wasser lange Zeit schwierig war. Ich weiß nicht, welche Baumarten alle dazugehören, aber bei mir waren es jeweils Eichen. Daher versuche ich besonders das (nächtliche) Hängen unter alten Eichen zu vermeiden, trotz ihrer sonst beeindruckenden DNA.


    Nachtrag: Solche Artikel findet man in diversen Onlinepublikationen zur Zeit. Einfach googlen für mehr seriöse Quellen ;-)

  • Ich weiß nicht, welche Baumarten alle dazugehören, aber bei mir waren es jeweils Eichen.

    Ich weiss es auch nicht, könnte mir aber vorstellen, dass die Buche auch dazugehört.


    Fast in jeder grösseren Buche sehe ich abgebrochene / abgeworfene vertrocknete Äste hängen. Entweder stammen sie von der Buche, in der sie hängen, selbst oder aber von einem benachbarten Baum. Da ich die Bäume erst intensiver beobachte, seit ich mit der Hängematte unterwegs bin, und die jeweiligen Sommer oft recht heiss und trocken waren, weiss ich natürlich nicht, ob dieser Umstand mit der Hitze / Trockenheit zu tun hat oder auch sonst typisch für die Buche ist.

  • Hier in Brandenburg hänge ich gerne unter Kiefern, das die bis sehr weit oben nur kurze Stummel-Äste haben, die meist auch noch relativ leicht sind. Dann wird dir vielleicht das Tarp zerstochen, aber dein Kopf ist nicht gleich Vollmatsch.


    Andersrum frage ich mich auch immer wieder, wenn ich beim Hängen von unten in die Bäume schaue, ob viele Äste am Baum nicht die Geschwindigkeit des abgebrochenen Astes verlangsamen und damit den Fall verzögern bzw. vielleicht sogar stoppen können (wie bei den von dir erwähnten Buchen, Waldläufer70) :/


    Allerdings halte ich es auch mit der Statistik. Wenn neben mir ein Ast runterkommt und mich nicht getroffen hat: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass an diesem Ort gleich noch ein zweiter runterkommt ...? So starke Dürre war es ja – gottseidank – nicht.

  • Waldläufer70 ja bei Windstille hätte ich bis dato auch nicht damit gerechnet. Vielleicht war es der einsetzende Regen der das ganz zum rutschen gebracht hat.


    Furbrain ja im Winter kann es manchmal noch schwieriger sein allerdings hat man durch die fehlenden Blätter einen besseren Blick und sieht besser quer sitzende Äste.


    Ein grünes Blattwerk ist leider auch nicht immer ein Indikator für einen gesunden Baum. Unser Forstamtsleiter hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht dass Buchen dank des Wassermangels der letzten Jahre auch oftmals in einem schlechten Zustand sind und fallen trotz augenscheinlich gesundem Zustand plötzlich um. Bei Buchen färbt sich zuerst die Krone mittig des Baums braun was auf ihren schlechten Zustand hinweist.

    Leider sieht man dies von unten nicht. Seitdem versuche ich Buchen zu meiden. Aus diesem Grund und der Verkehrssicherungspflicht musste bei uns gerade am Waldrand viele Buchen gefällt werden. Über diesen Hinweis und das nette Gespräch mit unserem Forstamtsleiter der im übrigen auch von unsere Hängematte Leidenschaft sehr angetan war habe ich mich sehr gefreut.

    Never without my Hammock!

  • Peter Wohlleben ("Das geheime Leben der Bäume") vertritt ja auch die These, dass der Waldboden durch die schweren Forstmaschinen zunehmend verdichtet werde. Wo das Wurzelwerk vor einigen Jahrzehnten noch viele Kubikmeter Wasser habe speichern können, sei der Boden heute oft dermassen komprimiert, dass nur noch für wenige Kubikmeter des kostbaren Nass' Raum sei.


    Ich kann mir gut vorstellen, dass das die Problematik noch verschärfen könnte.


    Wenn dann noch ein grosser Teil des Totholzes aus dem Wald entfernt wird (dieses wirkt u.a. ebenfalls als Wasserspeicher), so verschärft sich das Problem noch weiter.


    dawoidler, was ist von Wohllebens diesbezüglichen Aussagen zu halten?

  • Der Herr Wohlleben ist in der Forstbranche allgemein nicht sehr beliebt. Da ich selber in der "Forst-blase" drinstecke kann ich nur versuchen den Sachverhalt aus meiner Sicht (forstwissenschaftliche Ausbildung an einer oberbayerischen Forstfakultät) zu erklären (Der bayerischen Forstbranche wird im Bereich Ausbildung oftmals der Vorwurf der Gehirnwäsche gemacht :evil:)

    Soviel nur zu meiner Position, damit ihr euch ein eigenes Bild machen könnt.


    Die Problematik die du ansprichst ist sehr komplex und braucht zum Verständnis eigentlich einiges an Grundwissen in Bereichen wie Bodenkunde, forstliche Verfahrenstechnik, Waldbau und Waldernährung.

    Ich versuch mich mal an einer einfachen Kurzfassung. Wenn ihr die Langfassung wollt, oder etwas unklar ist dann sagt Bescheid.


    Maschinen fahren im Normalfall nur auf den Rückegassen, um eine flächige Befahrung auszuschließen.

    Maßnahmen um den Bodendruck zu minimieren: Ultrabreitreifen, Reduzierung des Reifendrucks, Bogiebänder, Reisigmatten und Befahrungszeitpunkt (Trockenheit oder Frost). Damit kann der Druck kleiner sein als der Bodendruck eines Wanderers mit Rucksack oder eines Rückepferdes (was der PW ja so gerne als absolute Alternative nennt). Trotz diesen Maßnahmen stimmt es schon auch, dass eine RG eine Barriere im Boden ("wood-wide-web") darstellt. Aber das macht ein vielbegangener Wanderweg genauso. Inwiefern diese Barriere schlimm ist und welche Auswirkungen es genau hat ist auch überhaupt noch nicht abschließend geklärt.


    Nicht jeder Boden ist gleich anfällig für Befahrung und Verdichtung. Es kommt stark auf die Bodenart (Korngrößenverteilung) an.

    Habe ich einen hohen Tongehalt, und nur wenig Grob-und Mittelporen, muss ich sehr darauf aufpassen, dass ich die gröberen Poren die ich noch habe, nicht auch noch verliere. Andere Böden sind z.B. fast überhaupt nicht anfällig für Verdichtung.

    Merke: Grobporen (Sand) und Feinporen (Ton) = schlecht; Mittelporen (Schluff) = gut --> für die Wasserspeicherung von pflanzenverfügbaren Wasser.


    Totholz an sich ist eher als Lebensraum für Pilze und Insekten von Bedeutung.

    Die Humusauflage und Humus im Mineralboden, welcher aus abgestorbener Biomasse wie z.B. Totholz, Kronenmaterial oder den Blättern (auch Nadeln erneuern sich immer wieder: Faustzahl alle 6 Jahre sind alle Nadeln einmal erneuert worden) gebildet wird, aber sehr wohl für die Wasserspeicherung. Da wir das Stammholz im Großteil aber nutzen wollen, sollten wir den Fokus eher auf die anderen Kompartimente zur Humusanreicherung legen. Auch sehr wichtig ist, den Humusabbau durch Mikroorganismen und Humusverlust durch Erosion zu verhindern z.B. durch Dauerwaldstrukturen.


    Die Vorteile von den "bösen" Maschinen sind: höhere Produktivität und damit niedrigerer Preis für die Holzernte. Höhere Sicherheit der Waldarbeiter.

    Bei den Holzpreisen die aktuell gezahlt werden, ist die Alternative der Holzimport aus Schweden, Tschechien, Rumänien wo noch viel größere Maschinen rumfahren als bei uns. Damit ist die CO2 Bilanz dann auch noch gleich im Eimer.


    Off topic: Holz ist mitnichten CO2-neutral. Motorsäge, Transport, Sägewerk und weitere Veredelung braucht auch alles Energie.

    Sorry, wenn ich jetzt jemandem diese Illusion genommen habe.


    Noch ein paar Zeilen zu PW allgemein: Er stellt alles immer sehr absolut dar. Und vertritt oft eine Meinung die den Wald als sehr romantisch darstellt, weil das viele Leute auch hören wollen und sich so seine Bücher/Filme/Führungen gut verkaufen.


    Ein altes Förster-Sprichwort sagt:" 10 Förster- 11 Meinungen."


    Nur im Bezug auf PW sind sich gefühlt alle Förster einig.


    Gerne freue ich mich über eine sachliche Diskussion und eure Wahrnehmung der deutschen Forstwirtschaft.

    Zwar ist es nicht ganz so schlimm wie der PW es immer darstellt, aber vor allem in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, kann und muss sich der Forst- und Holzbereich echt noch verbessern.

  • Ich mache niemandem Vorwürfe, der den Herrn Wohlleben gut findet.

    Oft geht es um sehr komplexe Themen die ein Laie gar nicht im Detail wissen kann und wo die Wissenschaft noch gar nicht fertig geforscht hat.

    Das Positive: Er schafft Aufmerksamkeit für die Umwelt. Leider greift er meist die falschen Leute an.

    In Zukunft muss der Forstbereich im Allgemeinen einfach viel bessere Öffentlichkeitsarbeit leisten, und nicht jeder Betrieb nur für sich selber die eigenen "Feuer" austreten wenn man mal wieder in der lokalen Zeitung angegriffen wurde.

  • Der Herr Wohlleben ist in der Forstbranche allgemein nicht sehr beliebt.

    Das ist mir nicht entgangen, deshalb meine Frage. ;)


    Das mit den Rückegassen, auf denen sich der Druck konzentriert, ist mir vorhin bei einer kurzen Recherche auch aufgefallen.


    Beim Druck auf den Boden habe ich die Vermutung, dass man zwischen der Kompression an der Oberfläche (Kraft pro Fläche) und der Übertragung derselben auf tiefere Lagen unterscheiden muss. In tieferen Lagen gewinnt der absolute Lasteintrag an Bedeutung. Ich denke, dass eine schwere Maschine den Boden deutlich mehr verdichtet als ein Wanderer, auch wenn die Schuhsohle punktuell einen höheren Druck auf den Boden ausüben kann als eine schwere Maschine mit breiten Reifen auf Reisigmatten. Wie gesagt: eine Vermutung.


    Danke für deine Einschätzung!


    Gibt es aus forstwirtschaftlicher Sicht allenfalls noch etwas zur Gefahr, von herabfallenden Ästen getroffen zu werden, zu sagen? (siehe unsere Gedanken und Vermutungen oben)

  • Gibt es aus forstwirtschaftlicher Sicht allenfalls noch etwas zur Gefahr, von herabfallenden Ästen getroffen zu werden, zu sagen? (siehe unsere Gedanken und Vermutungen oben)

    Da gibt es eigentlich auch nur den normalen Menschenverstand:

    Nicht im Bereich von stehendem Totholz lagern.

    Ein Blick nach oben, ob abgestorbene Äste über einem hängen.

    Bei starkem Wind den Wald verlassen.


    Eine SEHR theoretische Betrachtung des Themas hat dieser Kollege mal gemacht:


    Dass Risiko als Wanderer ist sehr gering. Als Hänger vermutlich ein klein wenig erhöht. (Direkte Interaktion mit dem Baum)

    Kommt aber lang nicht an das Risiko des Waldarbeiters heran. Deswegen tragen diese auch Helme. Diese sind in keinster Weise dazu da den ganzen Baum, der umfällt aufhalten zu können ;), sondern sollen vor herabfallenden Ästen und Zweigen bei der Holzernte schützen.

  • Ja, so ein Krachen kenne ich ganz gut. "Holla die Waldfee", ich kann dich verstehen. Und mir fällt an einem ruhigen Feriensamstagmittag so einiges dazu ein, womit ich meine Angst davor im Zaum halte...


    Ich verbringe gerade viel Zeit in Wäldern, nicht nur in der Hängematte, aber immer mit viel Aufmerksamkeit. Zudem habe ich eine etwas ungewöhnliche Leidenschaft für das Brennmaterial für meinen Hobo :whistling: - und das ist eben Totholz, Zweige und Äste, sowie gesplittertes Stammholz.

    Mein Eindruck ist, dass es deutliche Unterschiede gibt, was, wann und wieviel von Bäumen herunterfällt. Für mich ergibt sich das auch aus dem Holz selbst, seinen Eigenschaften im lebenden Zustand (wie Elastizität/Spröde, Belastbarkeit) und seinen Verwitterungseigenschaften, aber auch dem verschiedenen Wuchs der Baumarten.


    Buchenholz wird beispielsweise schnell von Pilzen zersetzt und damit geschwächt, wenn es abgestorben ist und länger feucht bleibt - und das tut es unter dem Blätterdach meist. Da es zudem recht schwer ist, nimmt die Stabilität von abgestorbenen Ästen schnell ab und sie kommen runter. In Buchenwäldern hab ich schon öfter bei absoluter Stille ein völlig unvermitteltes, kräftiges Krachen vernommen, wenn etwas herunter kam. Immer war dabei viel Feuchtigkeit im Spiel, bei Trockenheit ist mir das noch nie aufgefallen. Buchen treiben schnell in jede Lichtlücke aus und geben Äste wieder auf, die zu wenig Licht bekommen. Buchenwälder halte ich insofern für ziemlich unberechenbar, was ihrer Schönheit für mich aber keinen Abbruch tut.


    Die bei uns üblichen Nadelbäume scheinen mir da deutlich "ereignisärmer". Durch ihr Harz bieten sie Pilzen kaum Entfaltungsspielraum, gerade die Äste sind sehr harzreich und abgestorben bleiben sie meist trocken und stabil. Sogar auf dem Boden, nachdem die Äste einer (Rot-)Fichtenkrone von einem "Erntemaschinenmonster" abrasiert wurden, bleiben sie noch jahrelang elastisch. Bei anderen Fichtenarten scheint mir das ähnlich zu sein. Kiefernäste wachsen oft sehr unregelmäßig, da kann die Statik wohl schon mal leiden, was sie jedenfalls für Windbruch anfälliger macht. Unterhaltsam sind momentan die harmlosen einzeln fallenden Kiefernzapfen, die manchmal das einzige Geräusch in einem Kiefern/Fichtenwald ausmachen.


    Etwas vielfältiger ist die Beurteilung der sehr verschiedenen Laubbäume, da habe ich auch einige Erfahrungslücken.

    Eichen halte ich eigentlich für eher beständig, da nur wenige Äste aufgegeben werden und dann auch eine Weil brauchen, bis sie irgendwann herunterkommen. Allerdings wiegen sie dann auch gleich das Doppelte von Weichhölzern. Ob die außergewöhnliche Witterungsbeständigkeit des Kernholzes bei toten Ästen eine Rolle spielt, kann ich nicht einschätzen.

    Eschen sind wahrscheinlich einen besonders kritischen Blick wert, weil man aktuell durch das Eschentriebsterben grundsätzlich mit sterbenden Bäumen rechnen muss. Nach meinem Eindruck kommen deren tote Äste aber nicht erst einzeln runter, sondern sie kippen mit schütterer Krone und geschädigter Wurzel gleich als Ganzes um. Außerdem findet sich in der Nachbarschaft meist schon ein unübersehbares "Eschenmikado" aus ganzen Bäumen.

    Pappeln und Weiden sind vermutlich mindestens so unberechenbar wie Buchen. Beide wachsen schnell, sind wenig stabil und gleichen Verluste schnell wieder aus. Allerdings ist ihr Holz nur halb so schwer wie das der Buchen.

    Unter Erlen und Birken sind mir noch nie bewusst dickere Äste aufgefallen. Allerdings werden beide bei uns selten alt und haben dadurch auch eher filigranes Astwerk.


    Eine Betrachtung in vielleicht ungewohntem Licht:

    Gerade las ich Hartmut Rosas Thesen zur "Unverfügbarkeit". Und mir fällt auf, dass wir uns die Sicherheit im Wald nach wie vor ungewohnt wenig "verfügbar machen" können, sondern dort auf lebendige "Resonanz" angewiesen sind.

    Insofern ist der "Schockmoment" wohl auch ein Rest von Lebendigkeit und wäre weniger schockierend, wenn heute nicht absolute Sicherheit allgemeines Lebensziel wäre.

    In einfachen Worten: Wäre der Wald noch interessant, wenn in ihm alles vorhersehbar wäre? Wieviel Vorhersehbarkeit brauche ich wirklich für ein erfülltes Leben?

  • Danke für deine Ausführungen, Siebenschläfer . Das von dir bezeichnete "Erntemaschinenmonster" wurde mir im Rahmen eines Waldpädagogik-Seminars von den Diplom-Forstleuten mit dem englischen Terminus "Harvester" vorgestellt, was ziemlich nah an deiner Wortwahl liegt ;-)


    Schön finde ich auch deine Erwähnung des Soziologen Hartmut Rosa und seinem Ansatz der "Resonanz", der ja aus seinen Ausführungen zu "Beschleunigung" hervorgegangen ist. Ketzerisch könnte man fragen, ob es ein ironischer Zufall ist, dass diese Begriffe einerseits soziologisch als eine Erklärung für das aktuell erneut wachsende Bedürfnis der Menschen nach Natur und Wald genutzt werden, als auch der Terminus "Resonanz" – back to topic – ganz trivial das Problem der Bodenverdichtung durch Maschinen und Windräder bezeichnet.


    In den Berliner Forsten legen die Forstarbeiter übrigens tote Äste und Stämme quer über den Waldboden, wenn sie mit dem "Erntemaschinenmonster" durch die Rückegasse fahren, um die Verdichtung der Böden an diesen Stellen zu reduzieren. Das ist vermutlich vergleichbar mit den Reisigmatten, die dawoidler bereits erwähnte, und es erinnert mich an die Technik beim Tarpspannen, mit senkrechten Stöckchen zwischen Ridgeline und Baumrinde den Druck besser zu verteilen und diese dadurch zu schützen.

  • In den Berliner Forsten legen die Forstarbeiter übrigens tote Äste und Stämme quer über den Waldboden, wenn sie mit dem "Erntemaschinenmonster" durch die Rückegasse fahren, um die Verdichtung der Böden an diesen Stellen zu reduzieren. Das ist vermutlich vergleichbar mit den Reisigmatten, die dawoidler bereits erwähnte, und es erinnert mich an die Technik beim Tarpspannen, mit senkrechten Stöckchen zwischen Ridgeline und Baumrinde den Druck besser zu verteilen und diese dadurch zu schützen.

    Fast richtig.

    Das Astwerk und Kronenmaterial wird selten aktiv auf die Rückegasse gelegt. Ferner greift der Harvester einen Baum im Bestand, fällt diesen, und zieht ihn dann auf die RG wo er dann auch mit dem Harvesteraggregat entastet wird. Das Kronenmaterial fällt somit direkt auf die RG.
    Ein guter Harvesterfahrer richtet sich den entstandenen Reisighaufen in einem Extra-Arbeitsschritt nach dem Aufarbeiten des Baumes nochmal richtig, dass eine gute Reisigmatte entsteht.

    Dieser Vorgang ist nicht auf Berlin beschränkt, sondern Standard in der mechanisierten Nadelholzernte (in Deutschland).

    Im Laubholz, im Gebirge und anderen Ländern (wo oft Vollbaumnutzung betrieben wird), sieht die Sache etwas anders aus, aber das ist ein anderes Thema.


    Diese Reisigmatten haben übrigens auch Nachteile: die Nährstoffe (Calzium, Magnesium, Kalium, Phosphat, Stickstoff, Schwefel, Mangan...) welche für Baumwachstum essentiell sind, und hauptsächlich in dem Kronenmaterial und der Rinde drinstecken, liegen somit auf der Rückegasse, wo aber keine Bäume stehen.

    Es ist somit ein kleiner Trade-Off zwischen einer Nährstoffverschiebung (diese relativiert sich natürlich wieder ein klein wenig über den Niederschlag und das Wurzelwerk der an der RG stehenden Bäume) und massiver Bodenbeschädigung.

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