(SE) Unterwegs auf dem südlichen Kungsleden

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  • 11. STF Sylarna – STF Storulvan (16,9 km) 336m rauf - 652m runter

    Montag, 19.08.24

    Wetter: heiter, windig und kalt


    Um 06:30h ist bereits Bewegung im Zimmer. Zwischen aufwachen und sofort zum Frühstück stürmen vergehen nicht mal 5min. Und so liege ich kurze Zeit später wieder alleine im Schlafzimmer und habe meine Ruhe. Der Wetterbericht verspricht für die kommenden Tage nichts gutes. Wind bis 100km/h plus Böen und aufkommenden Regen. Heute ist Montag und der Flieger geht erst am Donnerstag. Noch dazu missfällt mir der Umstand, von hier aus in die nächste Hütte zu Wandern und dann im strömenden Regen die letzte Etappe zu bestreiten. Ich muss mir also noch etwas überlegen. Heute startet der Tag allerdings wie versprochen mit Sonne.


    *Blick aus dem Schlafzimmer


    Ich nutze die Zeit alleine im Zimmer um in Ruhe meine Sachen zu packen. Anschließend besorge ich im Shop noch etwas Proviant und begebe mich dann in ein anderes Gebäude gegenüber, wo im EG die „Selbstversorgerküche“ zu finden ist.

    *Selbstversorgerküche im Nebengebäude


    Während ich da so sitze und frühstücke, kommen mehrere Leute vorbei, um sich heißes Wasser zu zapfen oder Sachen aus dem Kühlschrank zu nehmen. Niemand bekommt seine Zähne auseinander für ein freundliches Guten Morgen oder eine andere Art der Begrüßung. Keine Gespräche, keine Interessen, nichts dergleichen. Es ist wirklich befremdlich. Aber was solls.

    Vor der Fjällstation mache ich noch Fotos vom Sylarna bei Sonnenschein, gratuliere meiner Mum zum Geburtstag und dann geht es los.


    *Sylarna bei Sonnenschein sieht schon netter aus als gestern


    Ich gehe hinter den Häusern weiter, einfach weil es in dem Moment der kürzere Weg ist. Hier lagern Berge von Müll, verpackt in große BigPacks, welche auf die Abfuhr per Heli warten. Auch das gehört zur Wahrheit dazu, wenn so ein Luxuriöses Leben hier draußen, mitten im nichts ermöglicht wird.

    *Blick hinter die Kulissen


    *Blick zurück auf die Sylarna Fjällstation


    Meine Gedanken vom Morgen, bezüglich der weiteren Reise beschäftigen mich noch immer. Das Wetter ist heute, bis auf eisigen Wind, sehr schön. Gerne würde ich das ein letztes Mal für eine Nacht im Zelt nutzen, aber bei 100km/h Wind sollte das gut überlegt sein.

    Bei einer kleinen Rast an der Gamla Sylen Schutzhütte zücke ich erneut die Karte. Ich könnte an der nächsten Weggabelung den Kungsleden verlassen und mich Richtung Storulvåns Fjällstation begeben. Dort haben die Flüsse Stor-Ulvån und der Handölan ein breites Tal in die Landschaft gegraben, welches durch die vorgelagerten Berge perfekt vor dem drohenden Sturm geschützt liegt. Zeit ist genug und einen Versuch ist es Wert. Sonst wird weiter improvisiert.

    *Schutzhütte Gamla Sylen


    Gesagt, getan. An der nächsten Gelegenheit verlasse ich den Hauptweg und befinde mich kurze Zeit später im Quellgebiet des Enan. Schön ist es hier. Im Hintergrund kann man sowohl den Berg Helags als auch Sylarna erkennen.

    *Quellgebiet des Enan mit Helags und Sylarna im Hintergrund


    Aber auch die Tatsache, dass man sich nun mitten im Jämtlands Dreieck befindet, wird mit jedem Schritt deutlicher. Die Mitreisenden auf den Wegen nehmen zu und es ist nicht mehr mit den völlig vereinsamten Wegen der vergangen Tage vergleichbar. Ab der RH Spåime ähnelt es eher einem Wochenendtag in Torfhaus/ Harz. Aber nun gut, da muss ich durch.

    *Schutzhütte Spåime


    Schon bald ändert sich wieder das Landschaftsbild und die ersten Birken tauchen auf. Auch die angekündigten Wolken kommen immer näher und haben den Wind im Gepäck.

    *Lill-Ulvån


    Ich mache mir ein Bild von der Umgebung und finde beim Abstieg ins Tal links des Weges eine wiesenähnliche Fläche zum Campen. Hinter mir ein schützender Hain aus Birken, auf der anderen Seite der Wiese, unweit vom Camp, der Stor-Ulvån. Der moosige Grasboden ist etwas sumpfig, aber das Groundsheet wird es schon richten.


    Ich richte mich ein und erledige die alltäglichen Dinge des Abends. Die alte Feuerstelle wird fit gemacht und ein kleiner Vorrat an Holz beschafft. In der Nähe der Fjällstation finde ich eine alte Wegbohle, welche mir als Sitzgelegenheit dient. Als das Feuer brennt, schreibe ich meinen Tag im Buch nieder und genieße die vielleicht letzte Nacht draußen in der wunderschönen Natur. Bei 10° Außentemperatur brauche ich mich heute um kalte Füße nicht zu sorgen.

    *Lagerfeuerromantik

  • 12. Pausentag Storulvåns Fjällstation

    Dienstag, 20.08.24

    Wetter: wechselhaft


    Das prasseln von Regentropfen auf der Zeltplane holt mich aus dem Schlaf. Ein Blick bei YR verrät, dass es bis 09:00h so weiter gehen soll. Also bleibe ich liegen und schlafe einfach weiter. Als es aufhört und ich aus dem Zelt krabbele, zeigt sich, dass meine Platzwahl richtig war. Die Birken am gegenüberliegenden Hang des Berges biegen sich im Wind, während es hier auf meiner Seite nahezu windstill ist.


    Beim Frühstück gehe ich meine Optionen durch. Ich werde auf gar keinen Fall den Trail im strömenden Regen, versteckt unter meiner Kapuze verlassen. Das kann nicht die Erinnerung an die letzten Stunden bleiben. Und heute in einem Rutsch alles durchgehen ist A etwas sehr weit, und B bringt es mich auch nicht voran. Eine kurzfristige Umbuchung des Fluges würde mich anstatt 145€ nun 450€ kosten, fällt somit auch aus. Dann bleibt mir nur das aussitzen bzw. Zeit totschlagen.

    Ich beschließe heute hier zu bleiben und einen Pausentag einzulegen, morgen im Regen die knappen 10km zur Blåhammarens Fjällstation zu gehen, und Mittwoch bei hoffentlich besseren Wetter der Abstieg nach Storlien zu wagen. So soll es sein!

    An der Rezeption miete ich mich für eine Nacht in die alten Hütten etwas weiter außerhalb der Station ein und packe mein Lager zusammen.

    *Storulvån Fjällstation


    *einfache Hütten abseits der "Hotelanlage"


    Da es mit großer Wahrscheinlichkeit der letzte Einsatz des Zeltes war, bringe ich nach dem Abbauen ein Paar Sachen in den Trockenraum der Station. Zelt, Isomatte und Schlafsack können noch mal richtig abtrocknen und ich brauche das zu Hause nicht mehr aufbauen.

    Im Anschluß will ich mir eine kleine Fika gönnen. Im Restaurant zeigt sich, das dass ganze Buffet inkl. Getränken günstiger ist, als Kaffe und ein Stück Kuchen. Da mein Kalorienhaushalt sowieso im Keller ist schlage ich gleich zu. Fisch, Gemüse, Salat, Brot, Antipasti, dazu Süßes und Kaffe zum Dessert. Ich kann essen ohne Füllegefühl und es ist das erste mal, das ich den Preis bei einem Buffet vollständig wieder raus habe;)

    *Jämtlandstriangeln


    Zu Verdauung gibt es einen Spaziergang um die Gegend zu erkunden und gg. 15:00h kann ich nach der Reinigung meine Hütte beziehen. Das Häuschen ist von innen komplett renoviert und es gibt sogar Strom. Schon fast zu viel Luxus.


    *Spaziergang ohne Gepäck


    *mittig im Bild: Geschützter Zeltplatz im Birkenhain


    Für den Abend besorge ich mir zwei Dosen Norrland Guld und eine Tüte mit trockenen Birkenholz aus dem Shop. Wie auch schon im Rogen brennen die Birkenzweige mehr schlecht als recht und ich freue mich, einfach mal ein schönes Feuer ohne ständiges anpusten und rumstochern genießen zu können. Dazu gibt es Couscouspfanne und die Blaue Stunde im Radio. Vereinzelt schafft es die Sonne noch durch die lichten Birken, um den Feuerplatz und mit dieser tollen Stimmung geht auch der längste Pausentag einmal zu Ende.


    *gemütliche Feuerstelle hinter dem Haus


    *endlich mal ein vernünftiges Lagerfeuer ohne ständiges zutun

  • 13. STF Storulvan – STF Blahammaren (12,4 km) 556m rauf - 193m runter

    Mittwoch, 21.08.24

    Wetter: regnerisch und stürmisch


    Die Nacht über bin ich allein geblieben. Acht Betten gibt es insgesamt im Haus, vier in jeder Haushälfte. Mir soll es recht sein, so kann ich mich am Morgen nach Belieben ausbreiten und meine Sachen packen. Gut, dass ich ausnahmsweise mal einen Wecker gestellt habe, denn es war bereits 07:30h als ich die Augen geöffnet habe. Das übliche Ritual der Körperpflege und kurze Zeit später geht es rüber in die Fjällstation zum Frühstücken.

    Das Buffet kommt etwas spartanisch daher, aber alles wichtige ist vorhanden und ich stopfe mich ordentlich voll.

    Auf der Karte ist mir ein kleiner Trampelpfad am Fuße des Getryggen aufgefallen, welcher auf direkten Wege Richtung Blåhammeren führt, jedoch bin ich mir nicht sicher ob das so eine gute Idee ist. Durch Zufall sitzt am Nachbartisch ein Ranger, bzw. sieht der gute Mann stark danach aus. Ich beschließe rüber zu gehen und zu fragen, ob er den Weg evtl. kennt. Mein Bauchgefühl war richtig. Er rät mir von dem Weg ab, da er zugewachsen und schlecht begehbar ist. Eher etwas für den Winter.

    Also bleibt es bei dem offiziellen Weg. Als ich mich auf mache, regnet es weniger als vorher gesagt, dafür weht ein ordentlicher Wind und das wir zweistellige Temperaturen haben, wage ich mal zu bezweifeln.

    *Tal von Ulvåtjärnen


    *So ein Schild hatte ich auch noch nie gesehen


    Zu sehen gibt es hier in der Gegend nicht wirklich etwas, außer deutlich mehr Menschen, die mir in aller Frühe schon entgegen kommen. Ihre Schuhe und Hosenbeine sind voller Matsch und Dreck und die häufigste Frage ist nach der Wegbeschaffenheit. Die war bis hier hin eigentlich ganz in Ordnung, doch ich befürchte, dass es nicht so bleiben wird.

    In der Rasthütte Ulvåtjärn mache ich Pause mit einer schwedischen Großfamilie. Immer wieder geht die Tür auf und neue Familienmitglieder betreten klitschnass den mittlerweile zu kleinen Innenraum der Hütte.

    *Schutzhütte Ulvåtjärn


    Dabei haben sie einen kleinen Schäferhundwelpen, der unter lautstarken Protest die Reise in einem Hunderucksack verbringt. Ich kann es gut verstehen. Für solch tollpatschige Gesellen kann ein Fehltritt in dem Schlammigen Gelände schnell mal ein Problem werden. Außerdem ist der Körper der Welpen noch nicht für derartige Wanderungen ausgelegt. Er wird früher oder später bestimmt noch genug Möglichkeiten bekommen, das Fjäll ausreichend zu erkunden.

    Kurz vor der Fjällstation Blåhammeren hängen die Wolken so tief, das man kaum noch etwas sehen kann. Die Umgebung ist nur schemenhaft in tristen Grautönen zu erahnen, während der Wind unerlässlich von vorne ins Gesicht peitscht. Ab und an schafft es die Sonne, für einen Bruchteil einer Minute am Horizont durch die Wolken zu brechen. Gerade lang genug um schnell das Handy zu zücken, um wenigstens ein tragisches Erinnerungsfoto für den heutigen Tag zu bekommen.


    *Blåhammerens Fjällstation


    Nach 12,5km ist es endlich geschafft und die Umrisse der Fjällstation erscheinen in den Wolken. Ich bin froh, als ich durch die klapprige Eingangstür in die warme Hütte komme, und endlich meine nasse Ausrüstung loswerde. Es geht gleich durch Richtung Trockenraum, wo die Heizventilatoren schon auf höchster Stufe ihre Arbeit verrichten. Ich ziehe meine nassen Sachen aus verteile alles auf den Leinen im Raum.

    Die Rezeption ist nicht besetzt und man soll sich im Shop einfach nehmen was man braucht. Bezahlt wird später wenn wieder jemand da ist. An der großen Tafel Marabou kann ich nicht vorbei gehen und so begleitet die Schoki mich in den Speiseraum;)

    Das Restaurant bzw. die Bewirtung wurde hier auf Grund eines Abkommens mit den Sami vor einiger Zeit geschlossen. Hier ist es „nur“ das Restaurant, weiter östlich des Sylarna wurde die komplette Gåsenstuga geschlossen. Die Sami sehen den wachsenden Tourismus hier in der Gegend (Jämtland Dreieck) als Gefahr für die Landschaft und natürlich deren Rentierherden. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es auch den ein oder anderen Vorfall gegeben hat, der das Fass zum überlaufen brachte. Jedenfalls gab es ein Abkommen mit dem Staat, das der Tourismus bleiben darf, wenn im Gegenzug ein paar „Touristenmagnete“ entfernt werden.

    Geblieben ist hier die Unterkunft, eine voll ausgestattete Gastroküche, der Speise- bzw. Aufenthaltsraum und ein paar Heißwasserspender. Ob sich wirklich die Touristen abhalten lassen wenn sie nicht mehr bekocht werden, wird sich zeigen. Aber ich denke das dass letzte Wort in diesem Konflikt noch nicht gesprochen ist.

    Im Speiseraum fällt mir ein Prospekt in die Hände, in dem über die Geschichte der Sami und deren Traditionen geschrieben wird. So gaben sich einst die Sami und die Rentiere ein Versprechen, immer aufeinander Acht zu geben. Die Tiere versorgten die Menschen mit Fleisch und Fellen, die Menschen behüteten die Tiere und deren Weideflächen. Dieses „Bündnis“ hat bis heute Bestand. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb die Samis mit etwas anderen Augen auf die Gegenwart blicken als wir.

    Nachdem ich dann um 14:00h das Zimmer beziehen konnte, gab es noch einen kleinen Powernap, und anschließend ging es in die wohlverdiente Sauna. Da habe ich mich schon seit den ersten Regentropfen heute Morgen drauf gefreut. In der Sauna gibt es für das perfekte Panorama eine Art Riesen Bullauge. Der Blick ist großartig. Als mir jedoch bewusst wird, das in der Ferne schon Storlien zu sehen ist, kommt ein Gefühl der Trauer in mir hoch. So lange hatte ich mich auf die Reise gefreut, und als wäre nichts gewesen, geht es nun schon dem Ende entgegen.


    Nach der Sauna klart es etwas auf und ich gehe noch mal nach draußen, um mir die Namensgebenden Klippen hinter dem Haus anzusehen. Die Klippen an sich sind von hier oben nicht sehr beeindruckend, aber die Sicht ins Tal macht das wieder gut. Der Blick reicht weit bis nach Norwegen und unten im Tal bahnt sich der Enan seinen Weg durch Wald und Stein.

    *Blick ins Enantal von den Blåhammeren Klippen


    *einsame Fjällstation weit und breit


    *Der Weg für Morgen


    Zurück in der Hütte mache ich es mir mit meiner letzten Dose Bier und einer Tüte Chips im Bett gemütlich. Ich bin wirklich platt. Unterdessen füllt sich das Zimmer immer mehr mit ankommenden Leuten bis mir letztendlich unter den beruhigenden Worten eines Podcasts die Augen zufallen. Gute Nacht Johnboy.

  • Was mir bei deinem Reisebericht auffällt und womit ich nicht gerechnet hätte, ist das mehr als durchwachsene Wetter: dass es so kalt und regnerisch (im Sommer!) dort ist, hätte ich nicht gedacht. Stundenlang im Regen zu wandern wäre wahrscheinlich auch nicht so meins - auch wenn es abends oft Trockenräume gibt. Ich war mal vor ganz vielen Jahren in Norwegen und Schweden und habe die dort kennen- und schätzengelernt.

    Da ich vorher und auch hinterher fast alle Urlaube in (ganz) Frankreich verbracht habe (bis zur Grenze sind es von mir nur 25 km), waren mir die Trockenräume entfallen, da man hier einfach keine braucht.... was ich ganz angenehm finde.

  • Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Zumal wir in Niedersachsen zuvor einige Wochen unter permanenter Hitze mit 30°+ geplagt waren. Durch die Möglichkeit und mit dem Wissen, sich abends immer vernünftig trocknen zu können, empfand ich den Regen gar nicht so schlimm. Oft war es ja auch nachts über wo man sicher im Zelt oder einer Hütte gelegen hat. Der ständige und teilweise eiskalte Wind hat mich rückblickend mehr genervt. Die Temperaturen an sich waren natürlich nicht sommerlich, aber zum Wandern eigentlich gut geeignet.

    Ich habe aber oft daran gedacht, wie die Reise wohl verlaufen wäre, wenn ich so manchen UL Tipp hier bedingungslos berücksichtigt hätte, oder ich nur ein Tarp zur Verfügung gehabt hätte. An so manchen Abend bzw. Nacht hatte ich alles an was im Rucksack war und trotzdem hat es nicht gereicht um mollig warm durchzuschlafen. Genau so mein Zelt, dem ich im Bereich des Hochfjälls relativ früh eine Eignung abgesprochen habe. Da muss man unter diesen Bedingungen wirklich härtere Geschütze auffahren. Da waren die Stugas schon Gold wert. Aber auch das Hüttenleben kannte ich ja im Vorfeld nicht und hatte ich mir auch nicht so entspannt (zumindest im ersten Teil) vorgestellt.
    Allerdings muss man auch sehen, dass man sich ständig um 1.000m und höher bewegt. Also quasi immer auf höhe des Brockens, und auch da kann es im deutschen Sommer teilweise ungemütlich zugehen.

    Für die nächste Tour bin ich auf jeden Fall schlauer und werde mich im Vorfeld entsprechend ausrüsten. Da mich die Landschaft aber dermaßen beeindruckt hat, ist ein Besuch des nördichen Kungsleden wohl nur eine Frage der Zeit;)

  • 14. STF Blahammaren – Storlien (19 km) 421m rauf - 893m runter

    Donnerstag, 22.08.24

    Wetter: heiter, windig und kalt


    *Blick Richtung Osten am frühen Morgen


    Die Nacht war sehr unruhig. Das lag zum einen daran, dass das Zimmer bis aufs letzte Bett ausgebucht war, und irgend wer immer eine Art Geräusche von sich gibt. Zum anderen war ich schon gg 20:00h im Träumeland, und somit um 06:30h ausgeschlafen.

    Vorsorglich hatte ich mir meine Sachen am Abend schon in die Küche gelegt, und so konnte ich, ohne viel zu kramen das Zimmer verlassen und mich zum Frühstücken in die Küche setzen. Durch die Fenster schien die Sonne bereits aus allen Knopflöchern und eine Frau war in den letzten Zügen dabei ihren Rucksack zu beladen. Nach einigen Sätzen auf Englisch bemerkten wir doch recht schnell den deutschen Akzent und beschlossen, uns der Einfachheit halber auf deutsch weiter zu unterhalten;)

    Als ich um 08:00h meine restlichen Sachen aus dem Zimmer holen will, schläft der Rest noch tief und fest. Mit Kopflampe bewaffnet sammele ich alles zusammen und packe außerhalb des Zimmers alles ein. Danach geht es auch für mich auf die letzte Etappe.


    *Blick zurück zum Sylarna


    *Der heutige Weg, hinunter aus dem Fjäll Richtung Storlien


    Es ist immer wieder eine Freude, das Fjäll in diesen schönen, intensiven Farben im Sonnenschein bestaunen zu können. An den Tag von gestern mag ich dabei gar nicht denken. Einige Meter brgab hinter der Station, im Windschatten von großen Felsbrocken stehen die Reste zweier Zelte. Es gibt immer wieder ganz Mutige, die unbedingt der Natur trotzen müssen. Nun habe sie den Salat.

    *Zeltleichen



    Ich habe hier auf jeden Fall gelernt, dass es nicht empfehlenswert ist den Helden zu spielen. In den endlosen Weiten des Fjälls mit dem ständigen kalten Wind ist man nur ein Spielball der Launen der Natur. So lange das die Sonne scheint, ist alles toll und schön, aber wenn das Wetter umschlägt kann es sehr ,sehr ungemütlich werden.

    *Fjällstation auf den Blåhammeren Klippen


    Die ersten Kilometer geht es ausschließlich bergab. Der Hang ist in steinernen Terrassen gestaltet und beim Blick zurück wird die Fjällstation immer kleiner. Die Rasthütte Gräslidfjället lasse ich rechts liegen und kurze Zeit später erreiche ich wieder die Baumgrenze der Birken.

    *Vindskydd am Enan


    Einen wirklichen Schutz vor dem Wind bieten die kargen Birken heute leider nicht, und so beschließe ich bis zu dem Windschutz am Enan weiter zu gehen. Kurz vor dem Windschutz kreuzt eine hölzerne Hängebrücke den Fluss, welche für mich gedanklich schon das Ende des Weges markiert. Lange im Vorfeld hatte ich im Kopf hier die letzte Nacht geplant. Schön im Zelt, abends in der untergehenden Sonne vor dem Lagerfeuer sitzend auf den Fluss blicken…Ihr kennt das. Aber es kommt immer anders, als man denkt.



    Der weitere Weg ab hier ist wenig spektakulär. Eine weite Graslandschaft, welche zu größten Teilen aus Sumpf und Moor besteht. Viele Planken sind weggegammelt und die aufgeweichten Pfade lassen dich bei jedem Schritt tiefer in das Moor einsinken. Dazu ein wirklich unangenehmer Wind, der permanent von hinten in den Nacken pfeift.

    *Die Erhebung mittig links im Bild sind die Blåhammarens Klippen


    *Storvallen voraus


    *letzter Sumpfabschnitt kurz vor dem Ort


    Zwischendurch lässt sich immer wieder der Ort im Hintergrund erspähen, was allerdings ein baldiges Ende nur erahnen lässt. In der Realität zieht sich der Weg über viele Kilometer hin, besonders als man in Storvallen die Wildnis ganz verlässt und nur noch in Straßennähe durch Ferienhaussiedlungen marschiert.

    Laut meiner App kündigt sich zu allem Überfluss auch noch Regen an. Ich lege einen Zahn zu, um den Schauer bei einer Kleinigkeit zu essen im Coop verbringen zu können. Der Laden ist riesig. Alleine die Süßigkeitenabteilung ist so groß wie ein deutscher Rewe. Hier ist alles auf den Transitverkehr aus Norwegen ausgelegt. Ich besorge mir Ein Paar Kleinigkeiten zum Snacken, Hygieneartikel und einen Träger Bier für den Abend.

    Im Eingangsbereich befindet sich ein Imbiss, wo ich mich vorerst für den kleinen Hunger zwischendurch mit einem Sandwich versorge. Als es aufhört zu regnen, begebe ich mich auf die letzten Meter zum Hotel.

    *Zwischen Coop und Bahnhof


    Vom Coop geht es entlang der Straße um einen See. An dessen Ende befindet sich eine Art Wagenhalle, umgeben von alten, zugewachsenen Gleisanlagen. Direkt auf der anderen Seite sehe ich schon das Bahnhofsgebäude von Storlien. Unmittelbar daneben ist meine Unterkunft für die letzte Nacht, das Le Ski, Storlien Hotell & Night Club. Wo bin ich da nur wieder reingeraten? Zugegeben, es wäre nicht meine erste Wahl gewesen, aber hier in der Umgebung ist außerhalb der Skisaison tatsächlich der Hund begraben.


    Innen ist es eine Mischung aus Spielothek, Bar und Restaurant. Alles ziemlich dunkel gehalten in einer Art Western Style. Viel bunte Lichter eine einzige Person im ganzen Lokal. Diese Person ist der Barkeeper, Rezeptionist und Kellner in einem. Er gibt mir meine Schlüssel für das Zimmer und ergänzt auch gleich dazu, dass er mein Frühstück in einem Karton vor die Tür auf dem Flur stellen wird. Es sind nur zwei Gäste im Haus und da lohnt es nicht extra ein Buffet aufzubauen. Nun gut, recht hat er ja. Da will ich mich am letzten Tag nicht auch noch beklagen.

    *Bahnhof von Storlien


    Da der Zugverkehr auf Grund von Arbeiten an den Schienen auf Busse umgelegt wurde, will ich mich vorsichtshalber noch nach dem genauen Startpunkt erkundigen. So wie es aus sieht fahren die Busse direkt vor dem Hotel ab, was die Sache für mich sehr einfach macht.


    Zugegeben, die letzte Woche mit dem andauernden orkanartigen Wind und der alltägliche Regen machen mir den Abschied nun leichter als angenommen. Den Abend verbringe ich mit einem Träger Bier auf dem Zimmer. Ich lasse alles noch einmal Revue passieren und schreibe die letzten Eindrücke in mein Reisetagebuch. Meine Gedanken reichen von der Anreise am ersten Tag bis zu der Wohnsituation hier vor Ort. Es wird noch einige Tage dauern, bis ich die vielen Eindrücke dieser Reise alle einordnen kann.

    Morgen Früh um 09:29h geht es also wieder nach Hause. Es soll natürlich Regnen. Ich freue mich drauf.


    Epilog

    Wie am Anfang erwähnt, war ich schon unzählige mal in Schweden, aber diese Reise war anders.

    Die erste Reise ganz alleine, von Anfang bis Abspann. Und doch war man nicht alleine , wenn man es nicht wollte. Die Natur hier draußen reißt einen in ihren Bann und lässt auch nicht mehr los. Die Aussicht, über Kilometer weit bis zum Horizont, die Farben der Pflanzen und Moose, die lustigen Rentiere mit ihren flapsigen Gang und die kargen Berge im Hochfjäll. Das klare Wasser in den Bächen und Flüssen, der stürmische Wind an den wilden Ufern des Rogens, die uralten Kiefern im Skedrbofjäll und die einsamen Hütten entlang des Wanderweges.

    Diese Aufzählung könnte noch Seitenweise so weiter gehen. Man muss es einfach erlebt haben, denn kein Foto dieser Erde kann das Gefühl ausdrücken, welches man vor Ort erlebt. Bei mir war es vor allem Dankbarkeit, die oft vollkommen plötzlich und unerwartet in mir aufkam.

    Dankbar darüber, dass ich hier sein und das erleben durfte. Dankbar darüber, dass die Natur hier draußen einen wieder erdet. Dankbar darüber, dass ich meine anhaltende Angst wegen meines Rückens endlich überwinden konnte, und nun weiß, das sman alles schaffen kann, wenn man hart dafür arbeitet. Dankbar, dass alles reibungslos und ohne Verletzungen geklappt hat. Und vor allem dankbar, dass nun zu Hause jemand auf mich wartet, der mir ohne mit den Wimpern zu zucken, diese Reise mit ermöglicht hat.


    „Auf der einen Seite hatte ich hier draußen ein unheimliches Freiheitsgefühl, und auf der anderen Seite hatte mich die Natur fest im Griff. Sie hat mir gezeigt wie groß ich werden kann aber auch wie klein ich bin.“

    -Pawo Wild-

  • Danke, dass du mich auf deine Reise mitgenommen und mir einen Blick in deinen Touralltag ermöglicht hast. Ich konnte die Melancholie am letzten Tag fast körperlich spüren - oder war es meine eigene, die ich in deine Erlebnisse projiziere?

    Ich bewundere, wie ausführlich du jeden einzelnen Tag beschreiben konntest. Bei mir fließt im Rückblick alles in einander und ich habe Mühe die Tage auseinander zu halten. Und auch danke für die Zeit, die du in den Bericht investiert hast. Vermutlich hast du die Tour dadurch noch ein zweites Mal erlebt und dennoch: Der Aufwand war bestimmt enorm.

    Und solltest du eines Tages posten, welche Dinge du in deiner Ausrüstung austauschst, würde ich das ebenfalls sehr interessiert lesen.

  • Der letzte Tag ist immer nicht so schön, egal auf welcher Tour. Ich hasse das Gefühl, wenn man zurück in die Zivilisation muss und das einfache Leben in der Natur ein Ende nimmt. Wenigstens hat hier das Wetter an dem Tag noch halbwegs mitgespielt.

    Auf längeren Reisen stecke ich mir immer ein kleines Vokabelheft ein, in dem ich meine Tage festhalte. So kann ich auch 4 Monate später noch alles recht gut wieder geben. So direkt nach einer Reise steht mir auch nicht der Sinn alles sofort in einen Bericht zu fassen. Etwas sacken muss das ja auch erst mal.

    Einen Bericht schreibe ich eigentlich ganz gerne. So kann man auch den anderen Forennutzern mal etwas zurück geben. Ich lese ja im Vorfeld auch eine Menge und nutze andere Erfahrungen für meine Planungen. Wenn man sich ran hält, und jeden Tag einen Tag niederschreibt, ist der Aufwand in etwa 14 Tage;)

    Ist schon in Ordnung. Man hat ja selber auch etwas, wo man jederzeit noch einmal nachschlagen kann.

    Ausgetauscht habe ich relativ Zeitnah das Zelt. Glaube innerhalb einer Woche habe ich es bei Kleinanzeigen veräußert. Was darauf folgen wird muss sich zeigen wenn es so weit ist. Und für die nächste Tour kommt ein neuer Schlafsack, bzw ein Qulit. Da muss ich mich noch mal genauer mit befassen. Den Rest würde ich ziemlich genau so wieder machen. Hatte es ja im Text schon einmal erwähnt...ich habe quasi alles benötigt was dabei war. Bis auf das Medi Kit. Aber das ist obligatorich bei so einer Reise.

    Freut mich das es dir gefallen hat. Da hat sich die Arbeit für mich schon gelohnt:thumbup:

  • Vielen Dank fürs mitnehmen. Ich habe deine gestaffelten Elebnisse mir extra für Nach-Feierabend, wenn ich am Schreibtisch fertig war, aufgehoben. Dann war ich gedanklich in Schweden.

    Zum Wetter: Wir waren im gleichen Zeitraum (August) in Irland (m. Auto). Wo hier in D eine Hitzewelle war, hatten wir auf der Insel selten 20 Grad. Meist 16 - 18 Grad. Wenig Regen. War okay, nur abends am Campingstuhl war es dann ungemütlich.

    Scheint, als ob zu dieser Zeit Europa wettertechnisch zweigeteilt war.

    Gattin mit Tochter schliefen im Auto, ich...

    Gruß, Harald

    Einmal editiert, zuletzt von S. Auerteig (4. Januar 2025 um 09:39)

  • Lieber bogus ,
    an dieser Stelle möchte ich einmal den Hut ziehen und Dir herzlich für diesen wunderbaren Reisebericht danken.
    Ich hab nicht zwischendurch kommentiert, weil es das Lesen des Berichtes in (meinen Augen) stört, daher erst jetzt im Nachhinein.

    Danke für diese bewegenden Fotos!
    Ich weiß, sie lassen den Betrachter nicht fühlen, wie es wirklich ist.
    Aber aus Erfahrung mit eigenen Bildern bekomme ich zumindest eine Ahnung, wie es dort gewesen sein könnte.
    Es muss teilweise atemberaubend und zutiefst bewegend oder sogar aufwühlend gewesen sein.
    (Vor meinem inneren Auge habe ich ein Foto von den schottischen Highlands, die ich mit dem Motorrad besuchte. Viele haben es angeguckt und "ganz schön" gefunden. Aber ich weiss noch, wie mich die Szenerie der endlosen Weite bis zu Tränen berührt hat.)

    Danke für Deine Schreibe!
    Nicht jedem ist es gegeben, für andere gut nachvollziehbar zu formulieren und flüssige Texte zu verfassen.
    Ich finde, Du kannst das ganz wunderbar. Wissen teilen, Erfahrungen berichten und eindrücklich beschreiben, was Du erlebt hast. Toll!

    Danke für die viele Arbeit, die Du in diesen Bericht gesteckt hast.
    Ebenfalls aus Erfahrung weiss ich, dass hinter dem, was hier so herrlich leicht dargeboten und zu geniessen ist, endlose Stunden Arbeit und Konzentration stecken.
    Ich kann ebenfalls gut nachvollziehen, dass das Verfassen dieses Berichtes aber auch für Dich noch einmal eine ganz besondere Nachlese war und bin sicher, dass Du auch selbst hier ab und zu noch einmal stöbern wirst. ;)

    Es ist zwischen allen Zeilen zu erkennen, dass Schweden ein Land ist, das Dich in den Bann gezogen hat und das Du schon etliche Male besucht hast. Ich lese Deine bereits früher gemachten Erfahrungen heraus. Daher habe ich mich auf jedem Schritt, bei jedem Camp an Deiner Seite sicher und wohl gefühlt.

    Dankeschön für`s Mitnehmen.

  • WOW, Danke für deine Worte:thumbup:

    Du hast vollkommen recht. Es verging quasi kein Tag, an dem ich nicht schluchzend auf irgend einem Berg oder an einem Platz gestanden habe, einfach aus einer völligen Glückseeligkeit heraus, erschlagen von der Schönheit der Natur.

    Was du mit dem Motorrad schilderst, ist mir genau so am Fluss am Tag 4 passiert. Ich hatte xtra ein Video vom Spot aufgenommen, weil er mich so umgehauen hat. Aber als ich das Video dann zwei Tage später (dank Empfang) teilen konnte, hat es niemand verstanden. Es ist einfach der Gesamteindruck, welcher sich den ganzen Tag mit allen Bildern und Emotionen aufbaut. Aber das das alles nicht per Handy übertragbar ist, hat auch sein gutes. Sonst würde niemand mehr selber reisen müssen und alles könnte zu Hause am TV erlebt werden. Ein schrecklicher Gedanke.

    Und ja, Schweden hat mich seit der ersten Reise mit meinen Eltern (vor über 25 Jahren) fest in seinem Bann. Egal ob zu Wasser oder zu Land, es macht mir immer eine riesen Freude. Wenn ich nicht so ein Schisser wäre, würde ich am liebsten meine Sachen packen und auswandern. Aber etwas Zeit bleibt mir ja hoffentlich noch in diesem Leben. Man soll niemals nie sagen;)

  • Vielen Dank, bogus, für diesen wundervollen Bericht! Ich habe ihn sehr genossen und es war mir eine Freude, so etwas von dem Spirit mit erleben zu können.

    Wenn ich das richtig verstanden habe, warst du mit Trailrunning Schuhen unterwegs. Wie wäre dein Fazit dazu? Würdest du die wieder auf den südlichen Kungsleden mitnehmen?

  • Freut mich das es dir gefallen hat.

    Ja, würde definitiv wieder so losgehen. Im Rogen, auf den vielen Kilometern über Steine wäre ab und an eine dickere Sohle von Vorteil gewesen, aber für den restlichen Teil des Weges waren die schuhe absolut vorteilhaft.

    Ein dicker Meindl etc wären da def. Drüber gewesen

  • Im September würde ich noch die Temperatur und Wetterkomponente mit einbeziehen. Kann mir gut vorstellen, dass du an einigen Stellen mit viel Wasser und Nässe zu kämpfen hast. Wobei dann ja ein lederschuh auch nie mehr trocken werden wird:/

    Aber auch den ersten Schnee kann ich mir da bereits vorstellen. Das ist wirklich eine schwierige Zeit.

    Der Untergrund an sich gibt die Trailrunner jedenfalls her

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