Liebe Hänger,
nachdem ich in letzter Zeit tiemlich viel mit Dampfsperren (vapor barrier bzw. vapor barrier liner; VB bzw. VBL) herumexperimentiert habe, wollte ich mal meine Erfahrungen kundtun.
VBs beim Wandern sind bei uns immernoch praktisch unbekannt. Im kommerziellen Bereich wird ausschließlich "Atmungsaktivität" angepriesen, also das genaue Geneteil.
Hier ersteinmal ein paar grundelegende Infos zum Thema.
* Was sind VBs?
VBs sind dampfdichte Bekleidungsschichten. Sie werden meist nahe der Haut getragen, über der Baselayer.
* Welche Effekte ergeben sich aus der Anwengung von VBs?
VBs erfüllen in erster Linie drei Funktionen:
(i) Die Isolationsschichten werden vor Kondensationsfeuchtigkeit geschützt.
(ii) Der Wärmeverlust durch Transpiration wird minimiert.
(iii) Der Wasserverlust durch Transpiration wird minimiert.
Häufig wird nur der erste Punkt berücksichtigt, die anderen beiden Aspekte sind aber auch sehr bedeutsam. Und damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt.
* Unter welchen Bedingungen ist die Anwendung von VBs unbedingt angebracht?
Bei mehrtägigen Touren bei Temperature um den Gefrierpunkt oder darunter. Warum? Weil man (i) keine Möglichkeit hat, seine Kleidung/Isolation zu trocknen, (ii) weil man nur begrenzt Ersatzkleidung mitnehmen kann, und weil man (iii) mit seinen Resourcen (Energie, Wasser) haushalten muss. Es gibt schöne Berichte über Antarktisexpeditionen, bei denen die mitgenommenen Schlafsäcke ohne VB verwendet wurden. Es kam hier zur Ansammlung von mehreren Kilogramm (!) Kondensationfeuchtigkeit im Laufe weniger Wochen.
VBs können zwar auch bei Tagestouren von Nutzen sein (man muss weniger Isolation und Wasser mit sich schleppen). Der dritte wichtige Vorteil - das Trocken halten der Isolation - fällt hier aber weg, weil man abends seine Sachen daheim oder auf der Hütte trocknen kann.
* Welche Nachteile haben VBs?
Ganz einfach: VBs setzen ein gutes Management vorraus. Man muss ständig ein Auge darauf haben, nicht zu überhitzen, aber gleichzeitig auch nicht zu frieren. Heisst in der Praxis: Durch Anpassung der körperlichen Aktivität und durch An- und Ausziehen muss man kontinuierlich seine Körpertemperatur regulieren. Dafür muss man erst etwas Erfahrung sammeln. Ich habe festgestellt, dass es optimal ist, wenn man beim Wandern immer kurz vorm Frieren ist. So ein leichtes Gefühl des Fröstelns, noch nicht unangenehm, aber spürbar. Dann schwitzt man nicht bzw. nur kaum, solange man sich aber bewegt, kühlt man nicht aus. Wenn man dann stehen bleibt, muss man sofort Isolation hinzufügen. VBs erfordern also ständige Achtsamkeit. Wenn man einen Fehler macht, dann macht sich das sofort unangenehm bemerkbar. Am gefährlichsten ist es, die VB auszuziehen, und die feuchte Baselayer dran zu lassen. Man verliert dann innerhalb kürzester Zeit eine riesige Menge Körperwärme, das kann sehr schnell sehr gefährlich werden. Es ist also auch ein gewisses Risiko dabei.
Leider sind VB-Klamotten bei uns praktisch nicht zu bekommen. Es gibt in den USA im Grunde nur zwei Anbieter für dieses Nischenprodukt: RBH Designs und Stephenson’s Warmlite. Andere Hersteller wie Integral Designs, Forty Below undnd Western Mountaineering haben manche VB-Sachen (meist Socken und Schlafsackliner), aber bei Klamotten schaut's schlecht aus.
Gott sei Dank ist eine VB keine Hexerei, man muss ja nur irgendwie eine dampfdichte Schicht hinkriegen. In einigen Ultraleicht-Foren habe ich gelesen, dass manche sich aus Müllsäcken VBs zusammenkleben. Beliebt sind auch dünne, PU-beschichtete Regenklamotten.
Ich habe mir für 9,99 Euro einen Schwitzanzug bei Decathlon gekauft und in die Ärmel noch zwei Reissverschlüsse eingenäht. Damit bin ich voll zufrieden, er trägt sich sehr angenehm und erfüllt seinen Zweck.
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Tagsüber beim Wandern trage ich nur die Jacke über einem Merino-Longsleeve. Darüber habe ich eine dünne Fleecejacke von Decathlon für 15,- Euro. Wolle muss hier nicht sein, da die Jacke ja eben nicht feucht bzw. nass wird, und damit nichts an Isolationswirkung verliert und auch nicht das Stinken anfängt. Wenn ich stehen bleibe, gibt's eine Daunenjacke drüber. Bei viel Wind ziehe ich entweder meine Regenjacke drüber (im Temperaturbereich von -5 bis 5°C) oder eine ultraleichte Windjacke (bei Temperaturen unter -5°C, da hab ich dann keine Regenklamotten dabei).
An den Füssen habe ich einen Pack aus dünnen Merinosocken, einer 10l Mülltüte und darüber dicke Wollsocken von der Oma. Das hält wunderbar und ist auch überraschend robust. Das zweite Paar Socken wegzulassen und direkt mit der Plastiktüte in die Schuhe zu schlüpfen geht nicht, da zerfetzt es die Tüten innerhalb von ein paar Kilometern.
An den Beinen schwitze ich kaum und habe bis -10°C auch keine nennenswerte Isolation, die vor Durchnässung geschützt werden muss - also verwende ich hier auch keine VB.
Abends ziehe ich dann meine Wanderhose und den VB-Pack an den Füßen aus, schlüpfe in ein bis zwei trockene Wollsocken und eine lange Wollunterhose. Zusätzlich ziehe ich mir die Hose des Schwitzanzugs an (die fungiert zusätzlich tagsüber auch noch als Regenhose). Meine Baselayer am Oberkörper habe ich anfangs meist noch gewechselt, aber nachdem ich es mittlerweile recht gut hinbekomme, dass ich unter der VB-Jacke nicht zu stark schitze, spare ich mir das Wechselshirt mittlerweile. Über die VB-Jacke kommt auch nachts wieder die Fleecejacke.
In der Nacht ist es dann genauso wie am Tag wichtig, dass man nicht zu warm wird. Sonst schiwmmt man in der eigenen Suppe. Also lieber nach dem zu Bett gehen ersteinmal den Topquilt nur bis zur Hüfte hochziehen und dann bei Bedarf weiter einmümmeln.
Mit diesem System komme ich mittlerweile sehr gut klar. Insgesamt sehr effizient. Man muss einiges an Gewöhnungsarbeit leisten, aber dann ist's wunderbar. Der ganze Anzug inkl. der nachgerüsteten Reißverschlüsse wiegt 288g. Er ersetzt aber mindestens sein Eigengewicht an Isolation, die man durch ihn weniger mitschleppen muss.
Gruß, Roland