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  • Vorgeplänkel

    Ich hatte mir bei einem E-Bike-Umkipper den Brustkorb so stark geprellt, dass auch knapp drei Wochen nach dem Aufprall nicht an Fahrradfahren zu denken war. Wandern ging lustigerweise bereits eine Woche nach dem Unfall wieder; laufen nach zehn Tagen. Weil ich so noch Ferientage übrig hatte, die ich nicht mehr kreisend um mein Zuhause verbringen wollte, fragte ich die KI, wo sie mich gemäss meinen Vorlieben, die sie kennt, und aufgrund der Wetterprognose hinschicken würde. Das mit dem Wetter hat sie nicht so richtig verstanden, darum machte ich dann etwas anderes: Der Wetterbericht schickte mich eindeutig in den Jura (kaum Gewitter) und nicht in die Alpen, wie die KI (Gewitter). Anhand der GPS-Tracks der letzten 15 Jahre, suchte ich Wege raus, die ich in der Zeit möglichst nicht gegangen war. So stellte ich eine vermeintliche B-Seiten-Tour für etwa 4 Tage zusammen und machte mich am Tag darauf auf den Weg.

    Baseweight war ca. 4kg, ich konnte zwar einen Rucksack tragen, wollte aber meinen Brustkorb so gut wie möglich schonen. Dafür, dass ich eigentlich nichts mitgenommen hatte, fand ich 4kg ziemlich schwer.

    Tag 1 - Hauenstein Dorf - Chellenchöpfli

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    Kurz nach 12 Uhr erreicht mein Bus Hauenstein Dorf. Am Morgen ist es noch sehr sonnig gewesen, jetzt hatte es sich etwas zugezogen, was aber nicht weiter schlimm war, da so die Sonne nicht so brannte. Ich wandere sofort los und folge nicht dem Wanderweg, sondern den kleinen Pfaden durch den Wald und komme so auf den Ifleter Berg. Wegen der Trockenheit sieht es aus wie im Herbst.

    Da oben mache ich Mittagspause und geniesse die Aussicht bei wechselnder Bewölkung.


    Eptingen mit der A2 in Richtung Basel

    Der Abstieg über die Challflue ist dann steil und wegen des trockenen Bodens, der mit Laub bedeckt ist, recht rutschig, aber alles in allem kein Problem. Auch in Richtung Bölchenflue setze ich auf die Schleichwege und hoffe, dass da keine Kletterstellen warten. Tun sie nicht und so erreiche ich die imposante Flue.

    Oben geniesse ich kurz die Aussicht, doch weil da zwei weitere Menschen sind, bin ich der Meinung, dass zu viel los ist, und gehe sehr bald weiter.


    Aussicht gegen Osten mir Kernkraftwerk Gösgen. Die Challflue ist im linken Bilddrittel an der Sonne.

    Über den Chilchzimmersattel wandere ich zum Spitzeflüeli, zur Geissflue, Lauchflue und Gerstelflue. Es ist eine wilde Gegend und nichts los. Ab dem Chilchzimmersattel bis Waldenburg begegne ich keinem Menschen. Hier oben finden sich Relikte von Befestigungsanlagen aus dem 1. Weltkrieg:


    Testschützengraben - wurde verworfen


    Beobachtungstürmli auf der Lauchflue, da drin wohnt ein Siebenschläfer:

    Die Gerstelflue wächst links von mir immer weiter senkrecht in die Höhe, an ihrem Ende wartet ein Steinbogen.

    Und vor Waldenburg steht eine Burg im Wald.

    Der Abstieg durch den Schlossbergwald mutet mediterran an. Es wird immer heisser und ich freue mich auf die Segnungen der Zivilisation: eisgekühlte Getränke und Glacé.

    Ich wünsche mir dies und das bei knapp 33°C am Schatten.

    Doch Waldenburg-Stadt ist recht tot. Ich will ja nicht zu viel rumlaufen und finde darum als einzige Segnung der Zivilisation einen Brunnen. Auch der ist hochwillkommen, denn bis Moutier in ca. 40km habe ich auf der Karte keine öffentlich zugängliche Wasserstelle gefunden. Ortschaften gibt's auch keine und auf Oberflächenwasser kann ich gerade an einer Stelle hoffen. Immerhin sollte es ein paar Bergrestaurants am Weg haben. Darum füll ich 3l auf und lasse den Rest ein Problem für später sein.

    Es ist nun bereits fast 18 Uhr und mir fehlen laut Plan noch ca. 10km und 700hm. Darum spiele ich mit dem Gedanken, den direkten Weg auf die Hinderi Egg zu nehmen, statt des Fussweges über die Richtiflue. Doch entscheide ich mich dagegen. Schliesslich steht schon in der Bibel, dass man dem schmalen Pfad folgen soll. Im Schweisse meines Angesichtes steige ich also hinauf zur Richtiflue. Ich safte so vor mich hin, doch der Pfad ist wunderschön:

    und die Richtiflue hat auch was zu bieten. Der Fels ist vielleicht 30cm breit und 2m hoch.

    Und Aussicht auf die Burg und die Gerstelflue, wo ich herkomm, gibt es auch noch.

    Oben begegnen mir ein Radfahrer, der den breiten Weg genommen hat, und ein Fussgänger. Schon wieder so viel los! Also schnell weiter - aber nicht ohne die Herbstzeitlosen, die ersten, die ich dieses Jahr sehe, zu fotografieren.

    Nun wird es langsam zäh und es geht immer weiter rauf, bis auf die Hinderi Egg, den höchsten Punkt im Kanton Basel Landschaft. Da ist ein Naturschutzgebiet und sowieso nicht gut hängen. Darum gehe ich noch weiter aufs Chellenchöpfli. Hier ist alles prima.
    Die Aussicht

    Der Hängeplatz

    und der Sonnenuntergang.

    Auch weht ein leichter Wind, genau richtig, dass es nicht zu heiss ist. Der Hängeplatz ist schön sichtgeschützt, nur schlafwandeln sollte ich nicht: 2m neben der Hängematte geht es 20m senkrecht runter.

    Der Tag erhält 9.5 von 10 Sternen. Alles war perfekt, ausser dass ich es nicht ganz so weit geschafft hatte, wie erhofft, und dass mich eine Zecke erwischt hat.

    Einmal editiert, zuletzt von remorque (17. August 2026 um 12:26)

  • Tag 2: Chellenchöpfli - Mont Raimeux

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    Am Morgen wecken mich die 6-Uhr-Kirchglocken aus dem Tal. Trotz meiner Minihängematte habe ich gut geschlafen. Genug warm war es sowieso: 17 Grad bei leichtem Wind. Schnell habe ich gefrühstückt und bei den ersten Sonnenstrahlen bin ich schon fast unterwegs.

    Es geht pfadig weiter, was mich freut. Bald komme ich auf den Vogelberg, wo ich eigentlich übernachten wollte. Es ist zwar hübsch hier, doch eine gäbige Hängestelle erschliesst sich mir nicht direkt.

    Etwas weiter entdecke ich einen weiteren Übernächtler. Er hat sich zuoberst auf der Krete eingerichtet. Da weht ein starker Wind und so, wie's aussieht, hat er nicht zu warm. Und allzuweit ist er wohl nicht gewandert.

    Gleich neben der Strasse hat es noch mehr Langschläfer. Die sind mit ihren 50ccm aus der Innerschweiz hier hochgetuckert.

    Ich wandere weiter. Die erste Wirtschaft ist noch geschlossen. Egal, ich habe noch Wasser. Es geht mal bergauf, mal bergab, immer schön auf der Höhe über den Passwang und den Beibelberg zur Bärenflue.

    Auf dem Chrattenberg stehen wieder Felsen im Wald. Weil ich da einmal mehr dem schmalen Pfad folge, verpasse ich die Wirtschaft Vorder Erzberg. Doch laut Wirtschaftsschild auf dem Scheltenpass ist da sowieso gerade Ruhetag.

    Über den Matzendörfer Stierenberg (laut Karte eine Wirtschaft, in der Realität nix) erreiche ich einen lustigen Grenzstein. Da kann ich gleichzeitig in drei Kantonen und vier Gemeinden stehen.

    Über diesen Punkt ist die bernische Gemeinde Schelten, die laut Wikipedia zwar über eine Schule mit fünf Schülern, aber kein Mobilfunknetz und keine öffentliche Wasserversorgung verfügt (ok, das war vor 10 Jahren, Mobilfunk gibt es jetzt, die Schule nicht mehr), mit dem Kanton Bern verbunden.

    Wasserversorgung ist das Stichwort... Es geht gegen Mittag zu und die Flaschen werden langsam leer. Doch die Karte verspricht ein Restaurant und das Mobilfunknetz ebenfalls. An Aussicht bis nach Basel vorbei

    wandere ich über den schönen aber trockenen Schönenberg

    zum Restaurant La Grande Schönenberg. Ja, hier sind wir auf der Sprachgrenze. Doch je näher ich an La Grande Schönenberg herankomme, desto weniger will ich da einkehren, selbst wenn offen wäre...

    Ist es natürlich nicht. Darum suche ich jetzt auf der Karte nach Orten, wo man eventuell möglichst sauberes Oberflächenwasser finden könnte. Dabei komm ich nach La Petite Schönenberg und da hat es einen Wegweiser zu einem Restaurant, das fast direkt am Weg liegt. Und es ist sogar ein Mensch vor Ort. Als ich eintrete, bin ich jedoch nicht ganz sicher, ob ich in einer grossen Stube oder wirklich einer Gaststube gelandet bin. Ich bin offensichtlich der einzige Gast und die Frau in der Küche reagiert zuerst unwirsch. Eine Speisekarte gibt es nicht, doch sie fängt an aufzuzählen, was sie alles zubereiten könnte. Ich nehm das erste und warte. Mit der Zeit wird die Wirtin sehr freundlich, das Essen schmeckt und meine Flaschen kann ich auch auffüllen - obwohl hier oben das Wasser so knapp ist, dass der Sohn es mit dem Tankanhänger im Tal holen muss.

    Nach dem Essen geh auch ich ins Tal runter und überquere mit le Gabiare Oberflächenwasser. Zumindest gluckst da etwas irgendwo im Schilfgestrüpp. Aber ich habe ja jetzt Wasser.

    Über la Wuestmatte komme ich auf le Petit Ramboden. Da erlebe ich einen Schreckmoment. Als ich so auf der Strasse spaziere kommt plötzlich hinter einer Geländekante eine Mutterkuhherde samt Stier dahergerannt - direkt auf mich zu! Ich weiche aus und bin mehr als erleichtert, als die Herde einfach an mir vorbeirennt.

    Nun folgt der steile Schlussaufstieg auf das Plateau des Mont Raimeux.

    Da oben erwartet mich eine weite Landschaft

    und verschiedene Kuhherden

    Weiter oben wieder Felsformationen im Wald.

    Zuoberst auf dem Mont Raimeux esse ich mein Abendessen, doch übernachten will ich hier nicht. Wer weiss, ob ich mich hier nicht auf einer Kuhweide befinde, auf der sich ebenfalls eine Mutterkuhherde aufhält und ob die mich dann nachts besuchen kommt. Darum geniesse ich die Aussicht vom kleinen Aussichtsturm und zieh dann mit müden Füssen weiter.


    Blick zum Chasseral


    Blick zur Röti

    Mein Instinkt trügt mich nicht und so finde ich einen wunderbaren Übernachtungsplatz oberhalb der Arête du Raimeux mit Aussicht und Abendsonne.

    Ich hänge direkt am Weg und da kommt doch tatsächlich noch ein Fussgänger vorbei. Zuerst aufwärts und dann, als es schon dunkel ist, wieder abwärts. Ich beschwere mich über das hohe Verkehrsaufkommen und er sagt mir, dass die Arête du Raimeux eine schöne T6 Kraxelei sei. Nichts für mich, aber freut mich für ihn.

    Der Tag heute erhält 10 von 10 Punkten. Natürlich könnte man das eine oder andere mäkeln, aber es war so schön, so einsam und alles ist so gut aufgegangen. Morgen geht es noch eineinhalb Stunden den Berg runter und ich bin in Moutier, wo ich wieder Wasser tanken kann.

    Einmal editiert, zuletzt von remorque (17. August 2026 um 12:26)

  • remorque das ist wirklich eine landschaftlich sehr schöne Tour und du hast wirklich einen sehr guten Blick für Bildausschnitte und Motive! Die Fotos gefallen mir sehr gut!

    Ich habe eben deine Eno HM angeschaut: die ist 2,70m lang und nur 1,20m breit. Da musst du schon sehr müde gewesen sein und einen guten Schlaf haben :)

  • Tag 3: Mont Raimeux - Montbautier

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    Schon um Mitternacht rum erwache ich in meiner Mini-Hängematte, weil ich mit den Füssen über den Rand rutsche und immer weiter rutsche, bis die Beine fast im 90°-Winkel aus der Matte hängen...

    Da nehmen wir uns doch kurz Zeit, um etwas über die Eno sub6, die wie barfuß schreibt, nur 2,7m lang und 1,2m breit ist, zu lernen.

    Materialspezial

    Die Eno Sub6 ist natürlich ein Kompromiss für jemanden, der möglichst leicht unterwegs sein und doch nicht am Boden schlafen will. Man kann es rechnen, wie man will, doch das Gewicht der Hängematte und der Aufhängung ist immer zusätzlich zum Gewicht eines Bodensetups. Der Otul light Underquilt ist mit 350g etwa so schwer wie eine Isomatte. Als Decke von oben kann man am Boden und in der Hängematte denselben Quilt benutzen und am Boden wäre man dann fertig. Gegen den unwahrscheinlichen Regen hatte ich das Sea to Summit Sil Poncho Tarp dabei, das hätte ich auch am Boden genutzt. 188g Hängematte, und nochmals etwa so viel für die Aufhängung sind darum zusätzlich.
    Doch für den Liegekomfortgewinn gerade mit Rippenprellung nehm ich das in Kauf. Warum keine 11f Hängematte? Da habe ich die Lesovik Draka, die ich auf 609g gebracht habe. Das wären schon knapp 400g mehr. Dazu kämen dann aber noch 365g für ein grösseres Tarp, denn die Draka passt nicht mehr unter den Sil Poncho, den ich für den Notfall gegen den Regen beim Wandern trotzdem hätte mitnehmen müssen. Ich hätte also etwa 760g mehr mitgetragen als mit der Sub6 und mehr als 1kg zusätzlich, als wenn ich am Boden geschlafen hätte.
    Hätte ich das im Rucksack gespürt? Wahrscheinlich nicht. Zudem hatte ich während der ganzen Tour zu viel Essen dabei. Ich hätte da besser planen können und hätte somit kein Zusatzgewicht im Rucksack gehabt, auch wenn ich die Draka mitgenommen hätte. Dennoch würde ich unter gleichen Bedingungen wieder die Sub6 mitnehmen - weil leicht und klein - denn ich schlafe wirklich gut in ihr - wenn ich sie richtig aufhänge.

    und damit zurück in den nächtlichen Jurawald.

    ... grummelnd steige ich aus der Hängematte und hänge das Fussteil höher. Ausserhalb der Hängematte ist es so kalt, oder meine Erschöpfung ist so total, dass ich einen tüchtigen Schüttelfrost erleide. In den Daunen wird es aber schnell wieder gut.
    Meine Erfahrung mit der Sub6 ist, dass ich die Füsse gefühlt zu hoch hängen muss, damit ich mit den Schultern und dem Kissen am Kopfende schön in die Stofffalten der Raffung reinrutsche, denn dann kann ich die Füsse schön diagonal ausrichten und hänge mit meinen 172cm recht flach in dem bisschen Stoff, das ich eher im 20°- denn im 30°-Winkel aufgespannt habe. Sogar eine halb seitliche Lage ist so möglich.
    Auf jeden Fall verschlafe ich nach dieser Justage am Morgen und werde erst kurz vo 7 Uhr wach. 13°C zeigt mein Thermometer, das ist fast unglaublich kalt ^^

    Nach etwas Schokomüesli mit Wasser und Milchpulver bin ich bald wieder unterwegs. Ich freue mich förmlich auf die Zivilisation und steige darum beschwingt vom Berg herunter. Zuerst über Kuhweiden

    dann am Rand der Klus von Moutier.

    Moutier hat am 1. Januar den Kanton gewechselt und gehört nun nicht mehr zum Kanton Bern sondern zum Kanton Jura. Sogar in der Schweiz gibt es Separatisten.

    In Moutier versorge ich mich mit Lebensmitteln und Getränken und mach mich dann bald an den 800hm langen Aufstieg zum Moron. Auf diesen Berg scheinen viele Wege zu führen und da oben scheint es einen Turm zu geben, wie die Wegweiser suggerieren.

    Der Aufstieg ist zwar sehr schweisstreibend, doch er gefällt.

    Im unteren Teil gibt es viele reife Brombeeren, an denen ich mich labe, und fast noch mehr Schwarzdorn mit reifen Schlehen. Mit denen kann ich leider nichts anfangen: Auch wenn sie sehr hübsch aussehen, sind sie sehr sauer-herb.

    Der Weg führt weiterhin über verschiedene Kuhweiden. Die Wanderung verlangte bis anhin nicht nach besonderen Fähigkeiten, doch Angst vor Rindern, Mutterkühen und Stieren sollte man nicht haben.

    Obwohl ich nur einen kleinen Rucksack habe, sind verschiedene Zaundurchstiege eine Herausforderung und ich frage mich, wie das Menschen hinkriegen, die etwas breiter gebaut sind als ich. Da lob ich mir die gäbigen Gatter, die auf den Wanderreitrouten die Wege zieren und die vom Pferderücken und damit auch von meinen Zehenspitzen aus einhändig bedienbar sind.

    Mir fällt auf, dass es hier etwas grüner ist als im solothurnisch-baselbieter Grenzgebiet. Es ist natürlich immer noch trocken, doch nicht mehr so knallgelb.

    Nicht zu spät für eine schöne Mittagspause und eine Stunde früher als in Moutier angegeben kommt dann endlich la Tour du Moron in den Blick.

    Das Menschenaufkommen hält sich in sehr bescheidenen Grenzen, darum stell ich mir vor, dass ich da hochsteige und dann oben im Schatten und Durchzug gemütlich meine Sandwiches vertilge. Ich nähere mich also dem Turm, trete aus den Bäumen heraus und stehe vor einem Absperrgitter:

    Da kommt mir in den Sinn, dass ich mal etwas davon gehört hatte, dass der Turm, der von Stararchitekt Mario Botta geplant worden war, nicht gehalten hat. 2004 wurde er eröffnet, 2022 sind die Stufen ohne Vorwarnung zum Glück in der Nacht ohne Personenschaden abgestürzt. Seither bröckelt er vor sich hin.

    So verziehe ich mich fürs mein Mittagessen halt in den Baumschatten.

    Nach dem Essen geht es über weite Weiden den Bergrücken wieder runter. Da hat es Kühe

    Wacholder

    und Pferde.

    Indische (heilige?) Kühe

    und rote Kühe (möglicherweise Salers-Rinder).

    All die Viecher fressen viel aber nicht alles.

    Im Wald bin ich erstaunt, wie grün es ist und dass kein totes Laub am Boden liegt.

    und wie schnell man hier auf Waldstrassen fahren darf (die Tafel bedeutet, dass 80km/h erlaubt wären).

    In der Zwischenzeit ist es richtig heiss geworden. Zwar habe ich noch Wasser, doch das muss noch eine Weile halten, darum schaue ich mich nach Alternativen um. Eine Beiz mit einem gekühlten Getränk wäre nett, ein Eis sowieso. Doch keine Chance, nix, nada. Die eine, die auf der Karte eingezeichnet ist, hat zwar einen beeindruckenden Misthaufen, doch da ich kein Mistkäfer bin, nützt mir das nichts, denn mehr gibt's da nicht. Auf der Karte ist zudem noch eine Institution für mentale Gesundheit eingezeichnet, da hat es eine Sonnenterrasse mit Liegestühlen - aber auch hier: Weit und breit kein Mensch.

    Mein gekochtes Hirn sucht darum nach Alternativen. Auf der Karte entdecke ich einen kleinen Bach, der in einem Schwundlock versickert - nur wenige 100m Umweg! Das will ich mir anschauen, vielleicht gibt es da wenigstens Wasser zur äusseren Anwendung. So pilgere ich zum Schwundloch von La Rouge Eau. Noch bevor ich in die Doline hinabsteige hat es natürlich ein Naturschutzbild, das jegliches Baden in allfällig vorhandenem Wasser verbietet. Trotzdem geh ich nachschauen und finde ein klägliches Bächlein, das sich durch eine Kuhweide schlängelt und dann in einer waldigen Senke versickert. Sieht hübsch aus, doch für mich hat das keinen praktischen Nutzen.

    Egal. Als nächstes geht es 200hm bergauf. Ich schwitze nochmals wie ein Wasserfall und komme hinauf nach Montbautier, eine wunderschöne Hochweide mit lockerem Baumbestand und einer eingezäunten Feuerstelle. Es ist erst kurz nach 17 Uhr, doch nach eingehendem Kartenstudium entschliesse ich mich, zu bleiben. Eine so gute Stelle für ein Biwak sehe ich in den nächsten 5 bis 6km nicht. Das grundsätzliche Problem ist, dass ich nicht auf Weiden übernachten will, denn wer weiss, ob sich da irgendwo eine Mutterkuhherde mit Stier herumtreibt. Im Wald will ich dagegen auch nicht übernachten, denn meine Hängematte hat kein Moskitonetz, also ist hier perfekt. Ich hänge meine Matte an den massiven Zaunpfählen auf (den einen spanne ich zur Sicherheit noch zum Boden hin ab) und gönne mir einen gemütlichen Abend mit schöner Aussicht und wenig Wasser.

    Als ich angekommen bin, war die Weide um die eingezäunte Feuerstelle leer. Als ich da so in meiner Hängematte vor mich hindümple und nichts tu, hör ich irgendwann Schritte und noch mehr Schritte und ich stell mich darauf ein, dass ich Besuch bekomme. Dann sind die Schritte wieder weg und dann wieder da. Als ich mich irgendwann umdrehe und schaue, was denn los ist, ist die Mutterkuhherde angekommen. Die Weiden sind hier so gross, dass die Herden darin so weit umherziehen können, dass man echt nicht sagen kann, ob eine konkrete Weide bestossen ist oder nicht, wenn man gerade keine Kuh sieht.

    Die Herde zieht dann langsam weiter, was ich schade finde, denn ich hätte gerne etwas Gesellschaft gehabt in der Nacht, die jetzt kommt.

    Ja, was geben wir diesem Tag für eine Bewertung? Der Abstieg nach Moutier war super, Moutier war naja, die Wanderung über den Moron war schön, der Turm leider kaputt. Nachher gab es etwas zu häufig breite Wege für meinen Geschmack, dafür viele verschiedene Tiere, der Biwakspot war sehr schön, er hätte aber gern noch ein paar Kilometer später kommen können und es war sehr heiss. Ach, keine Ahnung... vielleicht 8.33 von 10 Punkten. Wenn jemand nur einen Tag Zeit hätte, würde ich eher einen der ersten beiden Tage empfehlen.

    Einmal editiert, zuletzt von remorque (17. August 2026 um 12:27)

  • Tag 4: Montbautier - Haut des Roches

    Um halb vier Uhr in der Nacht erwache ich, weil mir kalt ist. Ich liege mit abgedecktem Oberkörper in einem recht starken Luftzug. Ich kuschle mich wieder ein, bin bald warm, doch dann passiert etwas, was mir schon lange nicht mehr passiert ist. Ich seh über mir sehr viel Himmel mit der Milchstrasse, ich weiss, dass ich ziemlich exponiert wie auf dem Präsentierteller auf einer sehr grossen Weide hänge und ich höre nichts. Da will sich eine Panik in der Magengegend zu formen beginnen. Eine Panik, weil ich mich hier nicht verstecken und alles mich sehen kann. Da beginnt auch noch ein grosser Hund entfernt aber gefühlt doch nicht so entfernt zu bellen. Ich wünsch mir die Mutterkuhherde zurück, denn es gibt nichts Beruhigenderes als kauende Kühe neben dem Biwak - wenn man weiss, dass es einen Zaun zwischen dem Biwak und den Kühen hat.
    Ich beruhige mich mit kontrolliertem Atmen und schlafe tatsächlich schnell wieder ein. Trotzdem, das war unangenehm.

    Am Morgen weckt mich die Sonne bei 12°C. Herrlich!

    Darauf etwas Milchpulver mit Schokomüesli :D

    Der heutige Tag wird komplett anders als die ersten drei: Gleich zwei Ortschaften stehen auf dem Programm, zudem folge ich nicht mehr weiter den Juraketten, sondern ich biege nach Süden ab, steige von der aktuellen Kette runter, kreuze eine nächste und steige auf die des Chasserals hinauf. Das gibt also etwas Höhenmeter. Doch zunächst folge ich der Kette auf der ich geschlafen habe noch für ein paar Kilometer.

    Die Weide bei Tageslicht mit dem Chasseral im Hintergrund.

    Ich bin hier am Rand der Freiberge, die Landschaft ist weit und nur flach gewellt.

    Bald steige ich hinab nach Tramelan, die erste Ortschaft am Weg. Meine Kartenreche am Tag zuvor war richtig gewesen: Ich habe keinen guten Hängeplatz mehr gesehen unterwegs.

    Tramelan ist ein seltsames Dorf. Es liegt irgendwo in den Weiten des Jura, zumindest wenn man Fussgänger ist wie ich, und doch besteht es fast vollständig aus grossen Mehrfamilienhäusern und Wohnblöcken. Zudem hat es ein paar grosse Industriebetriebe.

    Ich verpflege mich kurz und ziehe weiter. Nach einem kurzen Aufstieg durch den Wald

    komme ich hinauf auf La Bise, eine der schönsten Hochweiden bisher - und nicht einfach zu fotografieren, dass das rüberkommt.

    Hier oben möchte ich mal im Winter durchwandern und in einem Hottent den Abend verbringen!

    La Bise ist die Jurakette, die ich kreuze, darum geht es bald runter nach Courtelary im Vallon de St. Imier. Hier ist es erstaunlich grün.

    La Suze führt etwas Wasser, doch zum Baden reicht es nicht wirklich.

    In Courtelary steht die Schokoladenfabrik Chocolats Camille Bloch. Hier werden Ragusa und torino produziert, vielleicht kennt man die ja auch in Deutschland. Ich mach einen grossen Umweg, um mir im Supermarkt mein Mittagessen zu besorgen. Einen unnötigen Umweg, wie ich später feststelle, denn direkt am Weg hätte es ein weiteres Geschäft gegeben.

    Es ist nun schon fast Mittag, doch will ich der Hitze ein Schnippchen schlagen und vor der Mittagspause noch möglichst weit den Berg hoch steigen, damit ich das dann nicht in der grössten Nachmittagshitze tun muss. Ich schaffe es noch bis la Miège hoch und lagere da auf einer Weide im Schatten unter einem Weissdorn.

    Als ich zum Dessert übergehen will, werde ich von einem Teenager-Rind aufgescheucht. Es ist so aufdringlich, dass ich den Nachtisch woanders geniessen muss.

    In grosser Hitze geht es weiter rauf zur Métarie du Prince

    von da an einem imposanten Bergahorn vorbei

    zur Métarie de la Petite Douanne und hinauf zur Métairie du Milieu. Hier auf 1400m habe ich den höchsten Punkt meiner Tour erreicht. Dem Chasseral wende ich nun meinen Rücken zu.

    Für mich ist hier die Entdeckungsreise zu Ende. Ab hier kenne ich die Route sehr gut. Das macht sie nicht weniger schön, doch ich merke, dass mich die Neugierde nun weniger vorantreibt. Es geht über Weiden mit Bergahorn bergab.

    Bis auf den langen Grat, der runter nach Frinvillier führt. Vorerst bin ich aber noch oben.

    Das Mittelland kommt in den Blick.

    Die letzten Kilometer werden zäh. ich weiss auch nicht recht warum. Die Füsse schmerzen etwas, ich habe wieder viel zu viel geschwitzt und zu wenig getrunken. Ich bin hungrig und der Weg zieht sich und ist überhaupt nicht flach. Doch schliesslich komme ich an einem hervorragenden Biwakplatz mit viel Aussicht an.

    An dem Abend gönne ich mir etwas Smartphoneunterhaltung und schaue einen Film. Während des Filmes windet es ziemlich stark und so ist es recht kühl, doch als der Wind aufhört, wird es plötzlich richtig warm. Das Thermometer zeichnet einen Temperatursprung von 20°C auf 24°C auf. So liege ich auf 1200m schwitzend in der Hängematte und hoffe auf Abkühlung.

    Der vierte Tag war sehr abwechslungsreich und kurzweilig, es gab immer wieder sehr schöne Landschaften und die Durchquerung der beiden Dörfer hat mir Spass gemacht. Die Versorgungslage war darum natürlich super. Es war allerdings viel zu heiss. Naja, ich sage mal 9 von 10 Punkten, doch die einzelnen Tage sind nicht wirklich vergleichbar.

  • Hallo remorque ich fände es toll, wenn du ein Foto einstellen könntest, auf dem eine Karte ist, denn ich kenne die vielen von dir genannten Orte nicht und könnte sie mit Hilfe einer Übersichtskarte besser einordnen.

    Ich weiß nicht, ob du das auch so machst, wahrschrinlich eher nicht, aber ich bin old-school und zeichne die gegangenen Strecken auf den Karten meist mit Leuchtstift an... das ist für mich am übersichtlichsten.

    Ich bin übrigens erstaunt, dass der gelbe Enzian noch geblüht hat. Sehr schön!

  • Mit denen kann ich leider nichts anfangen: Auch wenn sie sehr hübsch aussehen, sind sie sehr sauer-herb.

    Sie sollen etwas von der Herbe verlieren, wenn sie den ersten Frost abbekommen haben. Das kann noch dauern...

    Danke nochmals für den wunderbar geschriebenen und bebilderten Bericht.

  • Tag 5: Haut des Roches - Biel Mett

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    Trotz der nächtlichen Hitze schlafe ich auch diese Nacht gut; selbst am Morgen hat es über 20°C. Ich bin an diesem Biwakplatz schön gerahmt von Bäumen und fühle mich darum weniger ausgestellt und erlebe keinen Panikmoment wie in der Nacht zuvor.

    Heute geht es nur noch runter nach Biel. Weil es gestern Nachmittag noch so viel hoch ging, begnüge ich mich für das Frühstück mir Resten.

    Bald habe ich zusammengepackt und mach mich auf den Weg.

    Hier oben hätte man eigentlich eine tolle Aussicht auf die Alpen. Das Handy liefert allerdings nur diesen Pixelbrei:

    Also füttere ich den der KI und sage ihr, sie soll daraus ein Bild machen, das aussieht wie an einem klaren Tag mit einer guten Kamera aufgenommen. Et voilà:

    KI-Verwendung

    Das einzige andere Bild in diesem Thema, das ich mit KI verbessert habe, ist das Bild vom Chasseralturm mit den Pferden. Da musste ich mit dem Handy so sehr zoomen, dass nur noch ein Pixelbrei rauskam. Die KI hat es der Realität angeglichen.

    Nur so zum Spass: Aus dem Bild der Berner Alpen

    macht die KI das

    Ganz ohne KI spaziere ich komplett analog dem Kamm entlang nach Osten (Blick zurück nach Westen).

    In einem Waldstück überrasche ich ein Rudel Gämsen. Interessanterweise habe ich unterwegs sehr wenige grössere Wildtiere gesehen. Neben den Gämsen einen Fuchs und ein Reh.

    Dann folgt der steile und wunderschöne Abstieg über den Geissrücken runter nach Frinvillier.

    Nach Frinvillier folgt noch die Tubelochschlucht. Schluchten gibt es im Jura viele, da ich mich an die Kreten gehalten hatte, ist das die erste und einzige der Tour.

    Der Weg ist spektakulär.

    Doch die Zivilisation ist nie weit weg. Durch die Schlucht führt auch eine Eisenbahnstrecke und eine Autobahn. Zudem gibt es ein Kraftwerk in der Schlucht und eines unmittelbar an ihrem Ende.

    Überhaupt: Am Ende der Schlucht steht man mitten in Biel.

    Damit ist die Tour zu Ende.

    Der letzte Tag war kurz aber top und ein würdiger Abschluss der Tour, also 10 von 10 Punkten.

    Einmal editiert, zuletzt von remorque (17. August 2026 um 12:28)

  • Zu deinem Wunsch barfuß Ich stelle mir vor, dass es ein Urheberrechtsproblem gäbe, wenn ich ein Foto einer Landkarte hier posten würde. Da ich die Tour komplett aufgezeichnet habe, gibt es eine digitale Alternative. Da müsste man eigentlich sogar meine Pinkelhalte zählen können. Die Toponyme stammen aus dieser Karte.

    Alles in allem kann ich die Wanderung nur empfehlen. Ich war total einsam unterwegs und habe ausserhalb der Ortschaften und abseits der seltenen Asphaltstrassen kaum andere Menschen getroffen. Wenn man bedenkt, dass sie nur wenige Kilometer neben der am dichtesten besiedelten Fläche der Schweiz verläuft, fand ich es erstaunlich, wie wenig da los ist. Auch fand ich es genial, dass ich eine Strecke von über 40km (Waldenburg - Moutier) ohne Ortschaft einbauen konnte, ohne dass ich seltsame Kringel gehen musste.

    Für mich als Ostschweizer Voralpenrandbewohner ist der Jura zudem relativ exotisch und so vertrocknet wie jetzt habe ich ihn noch nie gesehen. Ich habe grosse Lust, die Tour nach Westen fortzusetzen oder im Spätherbst oder Frühfrühling eine ähnliche Tour zu machen. Wenn die Weiden nicht bestossen sind (tendenziell November - April) hat man gerade als Bodenschläfer noch viel mehr Möglichkeiten und Schnee(resten) würde die Wasserversorgung vereinfachen.

  • Das ist ja komisch: auf meinem Tablet zeigt der Link Here-we-go mit der Stadt Rastatt (südlich von Karlsruhe) und bei meinem Handy klappt es und die richtige Schweizer Karte wird angezeigt.... Wer hätte das gedacht.

    Aber vielen Dank: jetzt habe ich eine gute Vorstellung, wo remorque gewandert ist. Wirklich eine schöne Gegend! Ich mag kleine naturbelassene Wege sehr. Im Schwarzwald gibt es leider viele geschotterte Forststraßen, aber im Pfälzer Wald ist es ähnlich wie bei euch.

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